https://www.faz.net/-gqz-nojw

Medien im Golfkrieg : Die sind rund um die Uhr dort und zeigen die Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Im Aufenthaltsraum für die Erwachsenen der Frankfurter Moschee läuft ununterbrochen der Fernseher. Al Dschazira ist der Fernsehsender, auf dessen Berichterstattung sich die Gläubigen verlassen, denn der arabische Sender "bringt den Krieg so, wie er ist".

          Der Blick fällt zuerst auf die Augen des kleinen Jungen. Er dürfte nicht älter als sechs sein. Die braunen Augen sind weit aufgerissen, sein Atem ist ruhig, die Miene erstarrt. Zwei Männer legen ihn auf eine Krankenhaustrage, ein Mann im weißen Kittel tritt zu ihm ans Bett. Er entfernt das Tuch auf der linken Bauchseite des Jungen. Sie ist offen, Gedärme sind hervorgequollen. Der Arzt behandelt die Wunde, das Kind bleibt still, atmet unverändert und hat die Augen dabei immer weit geöffnet.

          Die Szene ist beim arabischen Nachrichtensender Al Dschazira zu sehen, immer wieder, bis heute. Der Junge ist Teil eines Trailers des Senders geworden, der mehrmals am Tag ausgestrahlt wird. Ist das nun vertretbar oder nicht? "Viele, die diese Bilder sehen, haben eine Wut auf die Amerikaner. Sie wollen uns befreien und schlachten uns ab", meint Hassan, ein dreißig Jahre alter irakischer Asylbewerber in Deutschland. Am liebsten würde er, wenn er könnte, zurück in den Irak gehen und gegen die Amerikaner kämpfen. Er selbst war vor vier Jahren vor dem Regime im Irak geflohen. Trotzdem freue er sich, sagt er, wenn er höre, daß die irakische Armee wieder tapfer gegen die Allianz gekämpft habe. Seine Familie in Bagdad kann er momentan nicht erreichen, aber er verfolgt alles auf Al Dschazira, "die sind rund um die Uhr im Irak und zeigen die Wahrheit".

          Statt CNN jetzt Al Dschazira

          Bei wem würden die Bilder des verletzten Jungen nicht Betroffenheit auslösen? In manch einem Freitagsgebet haben sie Erwähnung gefunden. "Unser Imam hat diese Bilder beschrieben und gesagt, wenn das ein sauberer Krieg sein soll, sollte sich Mr. Bush diese Bilder ansehen", meint Said Amsiouji, der Vorsitzender der Moschee "Tariq ibn Ziad" in Frankfurt. Er selbst habe nicht mehr ruhig schlafen können. Im Aufenthaltsraum für die Erwachsenen der Moschee läuft ununterbrochen der Fernseher. Außerhalb der Gebetszeit versammeln sich die Männer und verfolgen die Kriegsberichterstattung von Al Dschazira. Auch zu Hause ist der Apparat ständig an.

          "Zur Zeit interessieren mich nur Berichte über den Krieg", sagt Said Amsiouji. Er lebt seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland, spricht die Sprache nahezu perfekt, deswegen schaut er auch deutsche Nachrichten. "Einige davon sind auch nicht schlecht, aber Al Dschazira bringt den Krieg so, wie er ist." Er glaube zwar nicht, daß das Fernsehen im Krieg immer die Wahrheit zeige, doch Bilder wie die des Jungen, davon ist er überzeugt, seien wahr. "Amerika schürt so nur mehr Haß gegen sich in der arabischen Welt", meint er.

          Während des letzten Golfkriegs hat Amsiouji fast unentwegt CNN gesehen. Das ist bei diesem Krieg anders. CNN zeige in diesem Krieg nur, sagt er, was freigegeben würde, oder das, was die "embedded" Journalisten mit den Truppen unterwegs aufgenommen hätten. "Al Dschazira ist anders, die sind wirklich direkt vor Ort bei den Menschen." Als er die Bilder der getöteten und gefangenen amerikanischen Soldaten dort gesehen hat, habe ihn das sehr mitgenommen. Aber die Diskussion, ob man die Bilder hätte zeigen dürfen oder nicht, kann Amsiouji nicht verstehen. Es seien schließlich auch irakische Gefangene gezeigt worden. Menschen werden im Krieg grausam verstümmelt. Doch eine neue Dimension bekommt die Kriegsberichterstattung, wenn Bilder gezeigt werden, bei denen die Quellenangabe nicht genannt wird, und auch das kommt bei Al Dschazira vor. Tayfir Alony, der für seine Berichterstattung während des Afghanistan-Krieges hochgelobte Reporter, ist dieser Tage zur Verstärkung in den Irak geschickt worden.

          Korrespondenten ausgewiesen

          Am vergangenen Wochenende wurde er aus der Nähe von Bagdad zugeschaltet. Er erzählte von Kämpfen und vielen Opfern, von Menschen, die gräßlich zugerichtet worden seien. Dann hält er Fotos in die Kamera, die dies dokumentieren. "Diese Bilder kommen aus Basra, es heißt, die Allianz sei dafür verantwortlich, aber das sind Tote, von denen wir nicht genau wissen, wer für sie verantwortlich ist", sagt er. Auf dem ersten Bild war eine tote Frau zu sehen, die mehrere Einschußwunden im rechten Bein hatte. Das zweite Bild, an Grausamkeit kaum zu übertreffen, zeigte den abgetrennten Oberkörper einer Toten. Von wem stammen diese Fotos? Wer hat sie dem Reporter zugespielt? Wer hat sie geschossen, und war es wirklich die Allianz, die diese Grausamkeiten zu verantworten hat, oder vielleicht Einheiten wie die der Fedaijin, die solche Grausamkeiten verübten, um den Haß in der arabischen Welt zu schüren? Das sind Fragen, die sich angesichts dieser Bilder stellen, auf die es aber bislang zumindest keine Antworten gibt. Al Dschazira ist in diesem Fall eine Erklärung schuldig geblieben.

          Womöglich aber wird es in der nächsten Zeit solche Aufnahmen auch bei Al Dschazira nicht mehr geben. Der irakischen Führung jedenfalls scheint die Berichterstattung von Tayfir Alony nicht mehr gefallen zu haben. Er und sein Kollege Diar al Omari sind soeben aus dem Irak ausgewiesen worden. Warum, ist bisher noch nicht bekannt. Der Sender, der die Maßnahme als "unerwartet und ungerechtfertigt" bezeichnete, hat nur eine entsprechende Mitteilung vom irakischen Informationsministerium erhalten. Al Dschazira wird zwar weiterhin Live-Aufnahmen und Aufzeichnungen aus dem Büro in Bagdad übertragen. Bis auf weiteres aber wird der Sender die Tätigkeit aller seiner Korrespondenten im Irak aussetzen.

          Weitere Themen

          Mission Kennenlernen

          AKK besucht Truppe im Ausland : Mission Kennenlernen

          Es ist ihr erster Truppenbesuch im Ausland: Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer besucht Jordanien und den Irak. Dabei geht es auch um eine Mission, deren Verlängerung vom Koalitionspartner SPD bislang abgelehnt wird.

          Topmeldungen

          Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

          Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

          Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.
          Olaf Koch, 49, ist seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro.

          Metro-Chef Koch im Interview : Ist Ihr Job noch sicher?

          Metro-Chef Olaf Koch hat eine feindliche Übernahme durch den tschechischen Milliardär Křetínský abgewehrt, doch die Probleme bleiben. Wie geht es mit dem Handelskonzern und ihm selbst weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.