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Medien-Glosse : Heveling

Bisher galt der Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling als klassischer Hinterbänkler. Seit gestern kennt ihn die halbe Netzwelt. Mit markigen Worten hat er ihre Möchtegern-Avantgarde kritisiert, und die reagierte höchst getroffen.

          Der Name Ansgar Heveling dürfte bis gestern eher einem kleinen Kreis präsent gewesen sein. Jahrgang 1972, aufgewachsen in Korschenbroich, Beamter im nordrhein-westfälischen Finanzministerium, Oberregierungsrat, sitzt er seit 2009 für die CDU im Bundestag. Diese vertritt er im Rechtsausschuss und in der Enquêtekommission „Internet und Digitale Gesellschaft“, er ist Mitglied im Schützenverein und im Kirchenvorstand der Pfarrgemeinde St.Andreas Korschenbroich. Als Hobbys nennt er auf seiner Internetseite: klassische Musik, Regional- und Heimatgeschichte, Lesen.

          Ein klassischer Hinterbänkler, würde man sagen. Seit gestern aber ist Ansgar Heveling ein Begriff und eine Berühmtheit, zumindest in bestimmten Kreisen des Internets. Denn da erschien im Onlineauftritt des „Handelsblatts“ eine deftige Polemik von ihm. „Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!“ ist sie überschrieben und handelt vom „Clash of Civilizations“, womit Heveling den „Kampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und dem realen Leben“ meint. Die „digital natives“, welche den „realen Menschen zum Dinosaurier erklären“, vergäßen, dass es sich „bei dieser Lebensform um die große Mehrheit der Menschheit“ handele.

          Getroffen ins Mark

          In deren Namen scheint Heveling sprechen zu wollen, wenn er sich ob der Debatten über die amerikanischen Internetgesetze „Sopa“ und „Pipa“ im dritten Teil von „Der Herr der digitalen Ringe“ wähnt und in den Medien einen „Endkampf um Mittelerde“ im Gange sieht. Denen, die da kämpfen, prophezeit der CDU-Politiker den Untergang, das „Web 2.0 wird bald Geschichte sein“, es stelle „sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird“.

          Sonderlich instruktiv ist diese Breitseite nicht; die Frage, wie sich das Urheberrecht als eine Grundfeste freiheitlich-demokratischer Wertordnung in der digitalen Welt bewahren lässt, bedarf schon einer genaueren Erörterung. Doch hat Heveling sein Ziel erreicht - die vermeintliche Web-Avantgarde, die er als untergehendes Generationsphänomen ausweist, ist getroffen ins Mark. Und also wird Hevelings Internetseite gehackt, steht dort bald, er trete aus der CDU aus, mahnt der neuerdings webaffine Parteikollege Peter Altmaier zur Gelassenheit, distanziert sich die JU, feixen politische Gegner und treten Kampf- und Brüllblogger in Reihe an, um den Abgeordneten niederzuschmähen.

          Bei Twitter gibt es Heveling-Witze ohne Ende. Das Blog „Netzpolitik“ fühlt sich an eine Büttenrede erinnert und macht „Tata-tata-tatahhhh!“, „Spiegel Online“ und Thomas Knüwer („Indiskretion Ehrensache“) weisen Heveling als „Troll“ aus, eine „arme, vom ,Handelsblatt‘ missbrauchte Sau“, schreibt der ehemalige „Handelsblatt“- Mitarbeiter. Mario Sixtus, der für das ZDF als „Elektrischer Reporter“ unterwegs ist und, mit Rundfunkgebührensold im Rücken, sich seit Jahren an den Verlagen und der gedruckten Presse abarbeitet, spricht Hevelings Text nach - unterlegt mit Schlachtenbildern aus dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Zeit, Motto: „Ansgar Heveling erzählt vom Krieg“.

          Die „Netzgemeinde“, möchte man meinen, hat den Kampf angenommen. Zumindest die Knallchargen aus dem Web 2.0, die Heveling meint. „Das Verhalten ist dazu angetan, die provokant formulierte These zu bestätigen“, sagt der Abgeordnete im Gespräch mit dieser Zeitung. Man brauche selbstverständlich eine Debatte über Freiheit, Demokratie und Eigentum im Netz, aber diese werde seines Erachtens oftmals nicht so offen geführt, wie es einer demokratischen Gesellschaft fromme. Wie Pawlowsche Hunde sabbern manche von Hevelings Antipoden nun um die Wette. Ihre Kanonade ist so vorhersehbar wie dumm, geht, wie üblich, auf unterstem Niveau ad personam und hat etwas Verzweifeltes. Die Möchtegernrevolutionäre werden nicht erst, wie Heveling meint, von der digitalen Revolution entlassen. Sie beweisen ihren schmalen Nutzen seit langem.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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