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Medien : Fernsehen heute - so schlecht war es noch nie

Weitergabe eines veralteten Formats Bild: dpa

Das TV-Programm ist neuerdings so schlecht, dass es sogar Margarethe Schreinemakers zu viel wurde. Was ist los mit dem deutschen Fernsehen?

          2 Min.

          Kürzlich wurde eine Wiederholung von „Boulevard Bio" aus dem Jahre 1993 ausgestrahlt. Sie führte dem Fernsehzuschauer vor Augen, wie rasant sich das Angebot in den letzten Jahren verändert hat. Gedankenloser ist es geworden.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Da sitzen bei Biolek Paola und Kurt Felix, die gerade ihre „Versteckte Kamera" an Harald Schmidt weitergereicht haben, und sprechen über ihren wohlverdienten Lebensabend. Schmidt selbst ist auch da und gibt zu Protokoll, er gehe nicht zu den Privaten und mache auch keine Late-Night-Show. Deutschland habe nun mal kein mit den Vereinigten Staaten vergleichbares Prominenten-Potenzial. So bieder die TV-Welt damals war, 1993 machte man sich wenigstens noch ernsthafte Gedanken über das Fernsehprogramm.

          Kein Erneuerungswille, keine Risikofreude

          Acht Jahre später liegt die „Versteckte Kamera", an der sich mittlerweile so mancher Moderator die Hände verbrannt hat, in der Obhut Cherno Jobateys, der an diesem Wochenende die erst 15. Sendung schon mit einer „Best of"-Ausgabe feierte. Das ist verdächtig - droht auch diesem ehemaligen Erfolgsformat das Aus?

          Schreinemakers - Aufkündigung eines Formats
          Schreinemakers - Aufkündigung eines Formats : Bild: dpa

          Der öffentlich-rechtlichen Unterhaltung fehlt insgesamt der Erneuerungswille und die Risikofreude. „Wetten dass ...?" überlebt, weil es regelmäßig kernsaniert wird und sich rar macht. "Zimmer frei!", die erfolgreiche Talkshow für Heim suchende Prominente mit Götz Alsmann, wird von allen Beteiligten als konzeptueller Glücksgriff betrachtet, weil prominente Gäste - zur Improvisation gezwungen - ihr wahres Gesicht offenbaren.

          Faule Kompromisse

          Bei den Privaten, die im regen Moderatoren-Austausch mit den Öffentlich-Rechtlichen stehen, sieht es keinesfalls besser aus. In der „Harald Schmidt Show" zum Beispiel, die dann doch zustande kam, ist genau das eingetreten, was Schmidt im Jahre 1993 voraussagte: Das Konzept funktioniert nicht, die Quoten fallen stetig.

          Der fast tägliche Talk mit Halbprominenten ist meist so uninteressant, dass auch der vielgerühmte Comedy-Teil darunter leidet. Schmidt sitzt zwischen den Stühlen. Dabei zeichnet sich ein weiteres Problem des Fernsehens unserer Tage ab: Die wirklich guten Leute machen faule Kompromisse und handeln gegen ihren Instinkt. Schmidt versucht es jetzt mit der Ansprache des „Bildungsbürgertums“, persifliert das „Literarische Quartett“ und spielt den Theater-Intendanten Claus Peymann.

          Format-Klonen als neue Disziplin

          Seit Monaten überaus erfolgreich ist der flexible Günther Jauch mit „Wer wird Millionär?" (WWM) bei RTL. Die Erfinder von WWM tüftelten mehrere Jahre am Konzept. Dieser Erfolg führte bei den anderen Sendern aber nicht etwa zu der Einsicht, dass Gutes einer sorgfältigen Vorbereitung bedürfe.

          Im Gegenteil: Kaum hatte sich „Wer wird Millionär?" als Quotengarant erwiesen, wurde das Wissens-Quiz-Konzept von anderen Sendern wie SAT 1 und ZDF abgekupfert und lieblos abgewandelt. Unverständlicher noch ist das Verhalten von RTL II, die sich mit "Big Diet" gleich selbst kopierten - und ein schlechteres „Big Brother“ schufen. Als einfallslos dazustehen scheint viele Programmmacher heute nicht mehr zu stören - wenn nur die geringste Hoffnung besteht, dass es sich vorübergehend rechnet.

          Trotz der beschriebenen Tendenzen besteht ein Beobachter wie der Geschäftsführer des Adolf Grimme Instituts, Hans Paukens, darauf, dass das Fernsehprogramm besser sei als sein Ruf und es immer wieder rühmliche Ausnahmen gebe, gerade im Fiction-Bereich.

          Diese Ausnahmen gibt es natürlich - man denke an die „Tatorte“ und „Polizeirufe“, weil sie unter anderem die deutsche Wirklichkeit unter Einschluss der Provinz widerspiegeln. Fest steht aber auch, dass die Fiction-Formate bei den Privaten immer mehr von den billigeren Nonfiction- und Entertainment-Formaten verdrängt werden.

          Die Herausforderung der Öffentlich-Rechtlichen

          Eine Herausforderung für die Zukunft wird gerade für die öffentlich-rechtlichen Sender in der Entwicklung eines niveauvollen Unterhaltungsprogramms für ein möglichst großes Publikum bestehen. Vielleicht kann die gerade abgehaltenen "Cologne Conference" für neue Impulse sorgen.

          RTL II hingegen beschreitet wohl kaum den richtigen Weg, wenn der Sender Frank Elstner, dem offenbar auch nichts Neues mehr einfällt, in einer Werbeblock-Einspielung die Zuschauer bitten lässt, eigene Ideen zu entwickeln und dem Sender zuzuschicken. Damit dürfte der Gipfel der Einfallslosigkeit erreicht sein.

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