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Medien : Es gibt nur eine Quelle

  • -Aktualisiert am

Die Stunde der Haßprediger: Anti-Amerika-Protest in Bombay Bild: AP

Der verhängnisvolle „Newsweek“-Artikel über die angebliche Koran-Schändung zeigt: Bei den Medien hat sich eine Sucht nach der Exklusiv-Story breitgemacht, die das journalistische Metier zu beschädigen droht.

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          Der Schaden ist immens - so oder so. Bei antiamerikanischen Ausschreitungen starben allein in Afghanistan siebzehn Menschen, mehr als hundert wurden verletzt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wer war für die Ausschreitungen verantwortlich, wer ist schuld an den Toten? Gewiß nicht die Autoren und Redakteure des Magazins „Newsweek“ allein, die in der Ausgabe vom 9. Mai in einem kleinen Artikel für ihre Rubrik „Periscope“ berichtet hatten, das für das Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba zuständige Südkommando der amerikanischen Streitkräfte gehe in einem internen Untersuchungsbericht dem Vorwurf nach, bei Verhören von Gefangenen sei der Koran auf die Toilette gelegt und in einem Fall hinuntergespült worden, um auf die Verhörten psychischen Druck auszuüben.

          Ein hilfloser Akt

          In der Nacht zum Dienstag hat „Newsweek“ den Bericht zurückgezogen, nachdem die Redaktion am Montag den Schaden zunächst mit der Erklärung hatte begrenzen wollen, angesichts der prekären Quellenlage könne man nicht sagen, ob es zu dem Vorfall gekommen sei oder nicht. Die formale Rücknahme der Darstellung kommt jetzt dem Eingeständnis gleich, daß es zu dem Vorfall wohl eher nicht gekommen ist und daß man eine Falschmeldung verbreitet habe. Damit wird die Sachlage auch nicht klarer. Das mehrfach beteuerte Bedauern der Redaktion von „Newsweek“ für den tragischen Verlust von Menschenleben und das Mitgefühl für die Angehörigen der Toten sowie für die Verletzten ist ein ehrenhafter, aber letztlich hilfloser Akt.

          Report in eigener Sache: die aktuelle „Newsweek”

          Auch wenn es jetzt scheinen mag, daß die „Newsweek“-Autoren Michael Isikoff und John Barry einem Hochstapler oder Lügner aufgesessen sind, sind sie und die Redaktion nicht grob fahrlässig verfahren. Bei ihrer Quelle, einem ranghohen Mitarbeiter der Regierung, der aus verständlichen Gründen seine Identität jetzt erst recht nicht preisgeben will, handelt es sich nach Angaben der Autoren um eine Person, auf deren Integrität sie sich seit Jahren verlassen konnten. Der kurze Artikel wurde vor der Veröffentlichung zudem zwei Mitarbeitern der Presseabteilung des Pentagons vorgelegt, von denen einer keine Stellung nehmen wollte, während der zweite einen anderen Passus als unkorrekt beanstandete, nicht aber jenen, in dem von dem Vorfall mit dem Koran die Rede war.

          Unerwartete Dynamik

          Der Bericht „zündete“ zudem nicht sofort, sondern erst nachdem er von Medien in der Region weiterverbreitet und entsprechend frisiert worden war. Erst nachdem es brannte, beanstandeten das Pentagon und das Weiße Haus den kurzen Artikel des Magazins, der eine von allen Beteiligten unerwartete Dynamik in Gang gesetzt hatte. Schon früher hatten die „Washington Post“, die „New York Times“ und die BBC berichtet, in dem Gefangenenlager auf Kuba, wo heute etwa 520 mutmaßliche Terroristen und Mitglieder des Terrornetzes „Al Qaida“ festgehalten werden, sei es möglicherweise zu Schändungen des Korans gekommen - und diese Berichte führten nicht zu Unruhen in Afghanistan und anderswo.

          Auf Nachfragen von „Newsweek“ angesichts der katastrophalen Folgen des Artikels gab der anonyme Regierungsmitarbeiter zu, er könne nicht mehr beschwören, ob er die Information über die interne Untersuchung tatsächlich in dem jüngsten Bericht des Südkommandos oder an anderer Stelle gelesen habe; aber er sei sicher, daß in internen Berichten des Militärs davon die Rede gewesen sei.

          Erfundene Erlebnisberichte

          Dem steht die Aussage des Pentagons entgegen, man habe 25.000 Dokumente durchforstet, jedoch in keinem Informationen über einen solchen Vorfall gefunden - allenfalls Behauptungen von Gefangenen, die Heilige Schrift der Muslime sei in ihren Zellen oder bei Verhören von amerikanischem Wachpersonal geschändet worden. Diese Berichte könne man aber nicht als glaubwürdig ansehen. Denn natürlich gibt es auch das: Gefangene, die mit erfundenen Erlebnisberichten aufwarten.

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