https://www.faz.net/-gqz-pki9

Medien : Die unvereinigten Staaten

  • -Aktualisiert am

Amerika ist geteilt in blau und rot Bild: AP

Amerikas Presse hat ein Problem. Weite Teile der Bevölkerung kehren der „Vierten Gewalt“ den Rücken. Und andererseits nehmen die Journalisten das ländliche, wertkonservative Amerika kaum noch wahr. - Ein gespaltenes Land.

          5 Min.

          Pünktlich zur Öffnung der Wahllokale in Amerika hat der Blogger Glenn Reynolds von „instapundit.com“ am vergangenen Dienstag in einem kleinen Beitrag für die Meinungsseite der „New York Times“ noch einmal an das überraschend freimütige Bekenntnis eines New Yorker Medienmoguls erinnert. Im Juli, kurz vor Beginn der großen Schlacht ums Weiße Haus, schrieb Reynolds, habe der stellvertretende Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Newsweek“, Evan Thomas, ziemlich ungeschützt erklärt, „die Presse“ wolle, „daß Kerry gewinnt“.

          Das ungewohnt offene Wort hat im Sommer in Washington für einigen Wirbel gesorgt; Evan Thomas mußte rasch und heftig zurückrudern. Aber wer hätte nicht an seine Einschätzung gedacht, als unlängst bekannt wurde, der Fernsehsender CBS habe ursprünglich geplant, die Informationen über das Verschwinden riesiger Mengen hochbrisanten Sprengstoffs aus irakischen Bunkern bis zum 31. Oktober zurückzuhalten, also bis exakt zwei Tage vor Ende der Präsidentschaftskampagne, gleichsam als journalistischen Fangschuß für Bush? (Allein das Beharren der „New York Times“, die mit CBS die Recherchen betrieben hatte und auf einer früheren Veröffentlichung bestand, hat wohl am Ende den Coup verhindert.)

          Ein altes Vorurteil der Rechten, die Medien seien hoffnungslos linkslastig

          Die Überzeugung, die großen Zeitungen und Fernsehstationen der Vereinigten Staaten seien hoffnungslos linkslastig, ist ein altes Vorurteil der amerikanischen Rechten. Der Glaube, die Chefredaktionen an der Ostküste befänden sich fest in der Hand einer liberalen (vorzugsweise jüdischen) Clique, gehört zum Kernbestand konservativer Gewißheiten wie das Bekenntnis zur Todesstrafe oder die Ablehnung der Abtreibung.

          Ungezählte Autoren haben in den vergangenen Jahren die These vom „bias“, von der Einäugigkeit der Journaille, auflagenträchtig herausgebrüllt und damit die Wähler der Republikaner aufgepeitscht; der Begriff liberal media ist in bestimmten Kreisen längst zu einem Schimpfwort geworden. Ironischerweise speist sich dieser Haß auf den vermeintlich linken mainstream in den amerikanischen Medien aus demselben Glauben wie der pompöse Ernst, mit dem manche Presseorgane ihre Wahlempfehlungen abgeben: aus der Überzeugung, ihr Wort zähle; ihr Ratschlag könne in hart umkämpften Entscheidungen den Ausschlag geben.

          Der Glaube an die Macht der Medien ist erschüttert

          Seit letzter Woche ist auch diese Gewißheit erschüttert. Die beispiellose Parteinahme des „New Yorker“ für Kerry, die explizite Unterstützung der „New York Times“ und vieler anderer Zeitungen für die Demokraten, die Titelgeschichte „President John Kerry“ in der Zeitschrift „The New Republic“, der gewaltige Erfolg von Michael Moores wüstem Anti-Bush-Film „Fahrenheit 9/11“: all das hat John Kerry ganz offenkundig nicht geholfen. Und es hat George Bush augenscheinlich nicht geschadet, daß ihm einige Zeitungen in Texas, darunter sogar der „Crawford Iconoclast“, das Lokalblättchen seines Heimatdorfes, die Gefolgschaft verweigert haben.

          ,Vierte Gewalt‘ fällt gerade in sich zusammen

          Was aber heißt das? Bedeutet es, daß die liberalen Medien, genau wie deren konservative Kritiker, grandios den eigenen Einfluß überschätzen? Verhallen ihre Einflüsterungen (respektive: Argumentationshilfen) ungehört? Sind ausgerechnet „die Medien“, denen stereotypisch alle Fehlentwicklungen der Gesellschaft angelastet werden, am Ende ganz machtlos? Glenn Reynolds behauptet ebendas: „Die 'Vierte Gewalt‘ ist ein wichtiger Teil jener nie gewählten, ewigen Regierung, die in vielerlei Hinsicht mehr Einfluß auf die Geschicke des Landes nimmt als die Politiker. Und diese ,Vierte Gewalt‘ fällt gerade vor unser aller Augen in sich zusammen. Das ist, bisher, die größte Geschichte dieses Wahljahres.“

          Hübsche These. Vermutlich aber liegen die Dinge komplizierter. Was wir erleben, ist nicht eine plötzliche Implosion amerikanischer Medienmacht, sondern deren schleichende Erosion. Zeitungen und Sender haben nicht auf einen Schlag allen Einfluß verloren. Aggressive Recherche und investigativer Journalismus werden auch in Zukunft Auflage und Gehör garantieren, und einer wie Seymour Hersh, der Nachbohrer und Aufdecker des „New Yorker“, dürfte in den kommenden vier Jahren eher noch mehr zu tun bekommen als bisher.

          Den Kontakt zur einen Hälfte des Landes verloren

          Weitere Themen

          Wahlkampf mit Trump Junior

          Die Familie des Präsidenten : Wahlkampf mit Trump Junior

          In der Familie von Präsident Donald Trump hat fast jeder seine Aufgabe. So ist Donald Trump jr. auf Wahlkampftour, während Schwester und Schwager direkt im Weißen Haus arbeiten. Zielgruppe sind besonders junge Leute.

          Topmeldungen

          CDU-Parteitag in Leipzig : Ein böses Omen?

          In Leipzig sind der CDU Wunden geschlagen worden, die bis heute nicht ganz verheilt sind. Für Annegret Kramp-Karrenbauer kann der Blick zurück eine Warnung sein – und Trost bieten.
          Baden-Württembergs Maschinenbauer erhalten immer weniger Aufträge.

          F.A.Z. exklusiv : Ein Hilferuf aus Baden-Württemberg

          Das Land der Autos und des Maschinenbaus steckt in der Krise. In seltener Einmütigkeit fordern Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften Hilfe vom Bund – in einem deutlichen Brief an Hubertus Heil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.