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Medien : Der rätselhafte Tod von Teheran

  • -Aktualisiert am

Stephan Kazemi hält ein Foto seiner toten Mutter Bild: AP

Sie wollte über verhaftete Studenten im Iran berichten, und nur wenige Tage später war sie tot. Wie die Fotografin Zahra Kazemi einem Staatsanwalt zum Opfer fiel, der alle Journalisten haßt.

          Zunächst hieß es, sie habe beim Verhör sich nicht wohl gefühlt, habe einen Schlaganfall erlitten und sei in einem Teheraner Krankenhaus am 11. Juli gestorben. Doch an den natürlichen Tod von Zahra Kazemi, einer kanadischen Fotografin iranischer Herkunft, glaubte niemand. Denn man weiß längst, daß Teheran ein denkbar gefährliches Pflaster für Journalisten ist.

          Es war der in Kanada lebende Sohn der Verstorbenen, Stephan Haschemi, der als erster Alarm schlug. Rasch machte der rätselhafte Tod von Teheran in der internationalen Presse Schlagzeilen. So sah sich der iranische Staatspräsident Mohammad Chatami gezwungen, vier seiner Minister mit der Klärung des Falles zu beauftragen. Es war nämlich das erste Mal, daß ein ausländischer Journalist in der Islamischen Republik während der Haft ums Leben kam. Das könnte den Ruf des iranischen Gottesstaates, wo die Machthaber mit kritischen Journalisten nicht gerade zimperlich umgehen, weiter verschlechtern. Zwei Tage nach der Chatami-Order gab es eine Überraschung: Der Stellvertreter des Präsidenten, Mohammad Ali Abtahi, teilte mit, daß Zahra Kazemi durch Schläge auf den Kopf eine Gehirnblutung erlitten habe und daran gestorben sei. Weitere Untersuchungen, versprach der Vizepräsident, sollten Licht in das Dunkel bringen.

          Von seinen Schergen abgeführt

          Was geschah mit der 54 Jahre alten Fotografin, die im kanadischen Montreal lebte und im Auftrag der britischen "Camera Press Agency" unterwegs war? Eigentlich wollte Zahra Kazemi, wie man inzwischen weiß, in die Republik Turkmenistan reisen, um dort Bilder zu machen. Doch ihre Reise durch Iran fiel mit den Studentendemonstrationen vom Juni zusammen. So blieb sie in Teheran und beantragte beim Ministerium für Kultur und islamische Leitung, das für die Presse zuständig ist, eine Arbeitserlaubnis, die sie auch erhielt.

          Zahra Kazemi führte Gespräche mit Angehörigen der verhafteten Studenten, was auch den Geheimdiensten nicht verborgen blieb. Als sie am 23. Juni den Sitzstreik der Eltern der verhafteten Demonstranten vor dem berüchtigten Ewin-Gefängnis fotografierte, wurde sie von ein paar bärtigen Männern in Zivilkleidung festgenommen. Die Männer, wie sich später herausstellte, gehörten nicht zum offiziellen Geheimdienst, sondern waren die Schergen des Teheraner Staatsanwaltes Said Mortazawi. Mortazawi hat einen pathologischen Haß auf Journalisten. Bis vor kurzem Richter in Teheran, ließ er mehr als achtzig Zeitungen und Zeitschriften der Reformer verbieten. Auf sein Geheiß sitzen noch immer zwei Dutzend kritische Journalisten im Gefängnis. Der dreißig Jahre alte Mann ist der juristische Handlanger der Teheraner Falken.

          Angst vor Untersuchungen?

          Der Journalistenhasser ließ Frau Kazemi mehrere Tage in einem unbekannten Gefängnis festhalten. Er warf der Journalistin Spionage für "westliche Mächte" vor. Nach den üblichen "Verhören" wurde die Fotografin dem offiziellen Geheimdienst Vavak übergeben. Es ging ihr so schlecht, daß sie sofort in das Teheraner Krankenhaus Baqiatullah eingeliefert wurde. Dort starb sie am 11. Juli im Koma. Doch eine Vertuschung des gewaltsamen Todes gelingt dem Staatsanwalt nicht. Selbst der Gerichtsmediziner zeigte Mut und sprach vom "Tod durch Schädelbruch". Inzwischen hat auch Masud Pezeschkian, der Gesundheitsminister, die "Gehirnblutung" als Todesursache bestätigt. Wie es aber dazu gekommen ist, wollte der Minister, der dem konservativen Lager nahesteht, nicht kommentieren.

          "Weitere Untersuchungen", sagte er, "werden die Angelegenheit aufklären." Eine Mitarbeit von kanadischen Ärzten lehnte Pezeschkian allerdings ab. "Wir haben selbst Erfahrung genug, die Leiche zu untersuchen und die Ursachen des Todes herauszufinden", erklärte der Minister. Vielleicht hat er recht: Die iranischen Ärzte kennen sich auf dem Gebiet gewaltsamer Todesfälle womöglich besser aus als ihre kanadischen Kollegen. Eine weitere Frage ist der Ort der Beerdigung. Während Stephan Haschemi, der Sohn der Verstorbenen, darauf besteht, daß der Leichnam nach Kanada überführt wird, verlangt die Mutter von Zahra Kazemi, die in Teheran lebt, daß ihre Tochter in der heimatlichen Erde bestattet wird. Ob hier die Mutterliebe im Spiel ist oder ob sie vom Staatsanwalt unter Druck gesetzt worden ist, darüber spekulieren die Iraner. Der Staatsanwalt Mortazawi ist jedenfalls für eine schnelle Beerdigung. Das verlange der islamische Brauch, und außerdem sei sie Iranerin, erklärte er. Nach allem, was geschehen ist, kann man davon ausgehen, daß nicht allein der islamische Brauch eine schnelle Beerdigung verlangt. Man hat anscheinend Angst vor weiteren Untersuchungen in Kanada.

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