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Maya-Astronomie : Da hört sich doch alles auf

Im Rausch der Zeit: Dauer oszilliert

Wer an dieser Stelle auf „hübscher Zufall“ plädiert, kennt McKenna schlecht. Denn der wollte nicht auf das bloße Korrelieren von Daten hinaus, sondern auf eine umfassende Kritik dessen, was unsere okzidentale Vernunft sich überhaupt unter „Dauer“ vorstellt, id est: flache oder gekrümmte Raumzeit. Die nämlich ist, wie McKenna gern polemisierte, „nur ein Artefakt, mit dem wir uns gestatten, einen Raum dafür zu schaffen, beobachtbare Ereignisse einzutragen, damit wir ihnen mathematisch-physikalisch zu Leibe rücken können“ - eine Definition, mit der kein Naturwissenschaftler Probleme hätte; einzig das „nur“ käme ihm vielleicht ein bißchen herablassend vor, denn was soll man sonst mit Ereignissen machen, wenn man bekannte hat und unbekannte vorhersagen will?

McKennas Gegenvorschlag: Wir müssen, fand er, der zahlreiche bewußtseinsverändernde Erfahrungen mit psychedelischen Pilzen beschrieben hat, zum Zweck einer adäquaten Zeitbegriffsbildung dem Empfinden von Berauschten und Taoisten gerecht werden: Neuigkeiten finden nicht in einer leeren Ausdehnung von Dauer an sich statt, sondern das, worin sie eingebettet sind, ist selbst auf- und abebbender Natur - „Dauer oszilliert“.

Hegels Geschichtsphilosophie als Marvel-Comic

Die Versuche McKennas sowie seiner Jüngerinnen und Jünger, diese vage und obskure Intuition uns anderen, den hartköpfigen Rationalisten, verständlich zu kommunizieren, sind kompliziert und konfus - es gibt inzwischen Computerprogramme, die McKennas „Zeitwelle“ simulieren und die „Resonanzen“ graphisch aufbereiten, die er zwischen Vergangenheits- und Gegenwartsereignisstrukturen entdeckt haben will, sowie erläuternde Zahlenspiele mit den Hexagrammen des altchinesischen „I Ging“-Orakels, die Hermann Hesses Magister Ludi in den Tiefenkoller gedrückt hätten. Am Ende all dieser schwerlich unterhalb einer fünfhundertseitigen Abhandlung erschöpfend auszubreitenden Kalkulationen schaut jedenfalls die uns nach dem Geschilderten schon nicht mehr recht überraschende Erkenntnis heraus, daß „ein besonders resonanzenreiches und graphisch schönes Ergebnis immer dann herauskommt, wenn man als endgültigen Dämpfmoment, als Schlußpunkt der Zeitwelle das Ende des Maya-Kalenders setzt“.

Was daraus ferner folgt, erläutert McKenna in seinem Aufsatz „Temporal Resonance“ aus dem Jahr 1987 - damals leistete gerade ein Buch namens „The Mayan Factor“ von einem gewissen José Arguelles viel für die Verbreitung des Komplexes: „Meine Interpretation des Nullpunkts ist die, daß das der Moment ist, an dem die stete Abfolge des Neuen und der Grad der Verbundenheit der getrennten Elemente, aus denen die abflauende Welle sich zusammensetzt, eine Veränderung der ontologischen Natur irdischer Zeit bewirken wird. Die Geschichte wird enden, und das transzendentale Objekt, welches alles Sein in immer tiefere Reflexionen seiner selbst hineingezogen hat, seit das Universum zu existieren begann, wird zu sich selbst kommen. Dann wird das bewegte Bild der Zeit von sich selbst wissen, daß es die Ewigkeit ist.“ Das klingt wie Hegels Geschichtsphilosophie als Marvel-Comic, und genau so ist es gemeint.

„Hingebungsvolle Teilnahme im galaktischen Prozeß“

Bei McKennas weniger phantasievollem, dafür die Maya-Kalender-Weltendlehre mit selbst recherchierten Hieroglyphendeutungen und Analysen „gemeißelter Monumente, Jade-Kunstwerke, reichhaltiger Grabkammern und bemalter Keramik“ untermauerndem Kollegen John Major Jenkins, der 1998 die in 2012er-Kreisen kanonische Monographie „Maya Cosmogenesis 2012“ veröffentlicht hat, wird das etwas nüchterner und pragmatischer vorgetragen, im Geiste von Bürgerinitiativen für Krötenschutz und Verurteilern abendländischer Arroganz:

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