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Max Weber : Der Heidelbergmensch

Das kleinstädtische Kulturleben befruchtete sein Denken: Max Weber (1864 bis 1920) Bild: ullstein bild

Durch Max Weber wurde die Soziologie zur modernen Wissenschaft. Dabei hat die Stadt Heidelberg, in der er mehr als zwanzig Jahre lang lebte, sein Werk unübersehbar geprägt.

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          Bürger wohnten, solange es keine Automobile gab, in Städten. Max Webers geistige Lebensform war knapp zwanzig Jahre lang eine Kleinstadt. Als er 1896 in Heidelberg Professor wird, leben dort rund dreißigtausend Einwohner. Zehn Jahre später sind es fünfzigtausend. Bei nicht mehr als hundertfünfzig Professoren und drei- bis vierhundert Studenten pro Semester kommt damit immer noch ein deutlich geringerer Akademikeranteil an der Gesamtbevölkerung als heute zustande.

          Doch das hieße, die Köpfe nur zählen, nicht gewichten. Nehmen wir einen besonders auffälligen Kopf: Über Kuno Fischer, bei dem der junge Weber 1882 mit gemischtem Vergnügen seine ersten philosophischen Vorlesungen gehört hatte, gibt es die Anekdote, wie vor seinem Haus, Ecke Rohrbacher- und Bahnhofsstraße, einmal Arbeiter die Straße aufrissen. Fischer tritt auf den Balkon seines Palastes und ruft hinunter: „Wenn der Lärm nicht sofort aufhört, nehme ich den Ruf nach Berlin an!“

          Damals gab es mehr Zigarren- als Kohlenhändler

          Der Lärm hört auf, die Bauarbeiten werden auf die Semesterferien verschoben. „Exzellenz Dr. Kuno Fischer Wirklicher Geheimer Rat Professor dahier“, wie er in der Ehrenbürgerliste stand, lehrte fast fünfunddreißig Jahre lang in Heidelberg. Noch zu seinen Lebzeiten wird eine Straße nach ihm benannt. Heidelberg hatte keine Universität, die Universität hatte Heidelberg. Wer nach Heidelberg kam, ging darum so leicht nicht wieder weg. Dem Altphilologen Albrecht Dieterich wird der Satz zugeschrieben, von hier aus werde er nur noch den letzten Ruf annehmen, den niemand ablehnen könne. Die durchschnittliche Verweildauer der Lehrenden betrug siebenundzwanzig Jahre.

          „Versucht man, die Stadt rein ökonomisch zu definieren“, schreibt Max Weber in seiner „Typologie der Städte“, „so wäre sie eine Ansiedlung, deren Insassen zum überwiegenden Teil von dem Ertrag nicht landwirtschaftlichen, sondern gewerblichen oder händlerischen Erwerbs leben.“ Diese Feststellung ließ sich an Heidelberg jener Jahre leicht verifizieren. Die Stadt wurde durch eine Atmosphäre gediegenen Handwerks, Handels und Honoratiorentums geprägt, und sollte sie in Rauchschwaden gehüllt gewesen sein, so wurden diese nicht primär von Industrieschloten ausgestoßen: Es gab in Heidelberg damals mehr Zigarrengeschäfte als Kohlenhändler.

          Auch mehr Buchhandlungen als Anwaltskanzleien, mehr Schreibbüros, mehr Brauereien sowie Bierhandlungen – „Milch und Flaschenbier“ – als Apotheken. Zu beinahe einhundert Bäckern kamen noch mehr als zweihundertfünfzig Lebensmittel-, Delikatesswaren-, Wild-, Geflügel- und Fischhandlungen, Letztere von fünfundzwanzig Fischern beliefert. Die Zeit der Kaufhäuser war noch nicht angebrochen, die Gewerbe waren nicht konzentriert, der Kapitalismus erschien in Heidelberg noch näher an seinen mittelständischen Ursprüngen, die Weber so hervorhob.

          Die Erfahrungsmuster des harmoniefähigen Lebens

          Eine „Produzentenstadt“ im Sinne von Webers Stadtsoziologie war Heidelberg also nicht. Was von der deutschen Kleinstadt um 1800 gesagt wurde, gilt auch für das „Weltdorf Heidelberg“ um 1900: dass es Erfahrungsmuster des überschaubaren und harmoniefähigen Lebens waren, die in die Vorstellung von bürgerlicher Gesellschaft eingingen. Aber eben auch das Wissen davon, dass diese Gesellschaft nur eine von vielen war, die auf demselben Territorium existierten. Heidelberg war das Paradox einer Peripherie inmitten von Deutschland, eines randständigen Zentrums.

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