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Max Weber : Der Heidelbergmensch

Doch was lockte Max Weber an Vorträgen, bei denen er mehr über die Triumphzüge der alten Römer oder die Bedeutung obszöner Yamswurzelfeste der Indianer erfuhr? Zum einen liefen viele Forschungen an „heiligen“ Texten darauf hinaus, sie aus philologischer und historischer Konsequenz auch soziologisch in den Blick zu nehmen. Deissmann beispielsweise hatte in seiner mitreißenden Studie „Licht vom Osten“ detektivisch dargestellt, dass die Sprache des Neuen Testaments eine der Unterschichten war; es wurde in einem „Weltgriechisch“ verfasst, der volkstümlichen Umgangssprache jener Epoche, um es möglichst breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen.

„Diese ganze literarische Entwicklung“, fasst er seine Sprachspurenlese zusammen, „spiegelt den großen historischen Prozess wieder, den wir die Urgeschichte des Christentums nennen. Deutlich sehen wir den Werdegang unserer Religion von den Bruderschaften zur Kirche, von den Ungelehrten zu den Theologen, von der unteren und mittleren Schicht zur oberen Welt. Ein großer Abkühlungs- und Erstarrungsprozeß ist dieser Werdegang gewesen. Wenn wir über die Jahrhunderte hinweg immer wieder auf das Neue Testament zurückgreifen, so wollen wir damit das erstarrte Metall wieder in Fluß bringen.“ Indem Deissmann ermittelt, welche juristischen, politischen und kultischen Vokabeln Paulus zur Verfügung standen, als er seine Idee von Christi „Stellvertretung“ formulierte, wendet er letztlich sozialwissenschaftliche Methoden an.

Eine zusammenhanglose Fülle von Wundern

Weber hat für seine Lehre vom sozialen Handeln aus solchen Argumenten mehr lernen können als aus den meisten Büchern, die damals in ihrem Titel den Begriff „Soziologie“ trugen. Alles, was im Eranos-Zirkel vorgetragen wurde, rief nach historischen Vergleichen oder war selbst solchen Vergleichen entsprungen, die sich mit voneinander unabhängigen Kulturen befassten und insofern zur Typenbildung aufforderten.

Nehmen wir die Abhandlung, die Albrecht Dieterich im Februar 1904 vortrug und in der er sich mit der weitverbreiteten mythologischen Aufladung des Erdreichs beschäftigte: Der Boden, so berichtete Dieterich, werde durchgängig mit mütterlichen Eigenschaften ausgestattet, es gebe die Vorstellung, die Kinder kämen aus der Erde, weshalb Frühverstorbene selbst dann begraben werden, wenn die Religion eigentlich Feuerbestattung vorsieht, und alle Vorstellungen von Wiedergeburt werden an die Erde geknüpft.

Weber konnte bei Dieterich sehen, wie sich die praktizierten Riten als Schlüssel zum Verständnis der Mythen verwenden ließen. Das ging in seine eigene Theorie ein, Religion an typisiertes Handeln zu binden und alle religiösen Weltbilder aus der formalisierten Überwindung von Handlungsnöten, also Krisen, hervorgehen zu lassen. Er konnte auf diese Weise auch Hinweise auf den antimagischen Charakter mancher Religionen finden. Das magische Bewusstsein, so Dieterich, kennt nämlich keine Schöpfung aus dem Nichts, es kennt nur Metamorphosen des Vorhandenen, Vertauschungen und Metaphern. Für die magische Religiosität sei am Anfang nicht alles „wüst und leer“ gewesen, sondern es gab „eine zusammenhanglose Fülle von Wundern“, und die Seele stieg aus der Erde auf, um in sie zurückzukehren.

Hier war eine gewaltige Pointe für den Protestantismus-Forscher zu entdecken: Als den entscheidenden Unterschied zwischen Katholizismus und Protestantismus erkennt Weber nun die Abkehr von jeglicher Zeremonie und das verlorene „Vertrauen auf Heilswirkungen magisch-sakramentaler Art“. Den Begriff der „Entzauberung“, den er 1913 erstmals verwendet und der zu einem Schlüsselbegriff für sein Konzept der „Rationalisierung“ von Wertsphären und Handlungsfeldern wird, fügt er in die Buchfassung seiner „Protestantischen Ethik“ von 1920 gleich viermal ein – immer im Bezug auf die magiefeindlichen Einstellungen der Puritaner, die zuletzt sogar das Weihnachtsfest als abergläubisch bekämpft hätten. Rationalität, hieß das, ist antirituell, antimagisch. Sollte der Ursprung der Rationalität somit etwas mit Religionen zu tun haben, die sich Schöpfung aus dem Nichts vorstellen konnten?

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