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Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken : Hunger auf gepflegten Privatwahnsinn

Würde bewahren, auch wenn die Weltwirtschaft den Bach runter geht: Korinna Krauss als Fräulein Else in der Schnitzler-Verfilmung von Anna Martinetz. Bild: Max Ophüls Filmfestival

Horrorfilme sind auch nur Liebesfilme: Warum mussten die allerbesten Produktionen auf dem Saarbrücker Festival Max-Ophüls-Preis leer ausgehen?

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          Die Welt wird ungemütlich, je weiter man die Berge emporsteigt, und in Marvin Krens Film „Blutgletscher“ liegt das nicht nur an Eis, Schnee und Fels. Die vier Bewohner einer Forschungsstation in den Hochalpen, die einen über Nacht grellrot verfärbten Gletscher sichten, bekommen es bald mit riesigen Kerbtieren, monströsen Steinböcken und mannsgroßen Adlern zu tun, die es allesamt auf Menschen abgesehen haben. Schuld daran ist, wie sich rasch herausstellt, eine Art Mini-Organismus, der die Arten munter miteinander vermischt und offenbar nur äußerst aggressive und hungrige Wesen hervorbringt, gegen die noch am ehesten der entschlossen geführte Gletscherbohrer hilft. Aufzuhalten aber sind die Mutationen nicht. Und so gibt, wie in jedem guten Film dieses Genres, das Ende keineswegs Entwarnung. Sie werden sich ins Tal aufmachen, die Monster, die ihre Existenz auf unklare Weise dem Klimawandel verdanken, und unsere Zivilisation aufmischen.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Horrorfilme haben es nicht leicht auf einem Festival wie dem Max-Ophüls-Preis, das nun zum 35. Mal in Saarbrücken stattfand und sich wieder als hervorragende Plattform für Filmemacher zwischen Hochschule und Berufseinstieg erwies – nirgendwo sonst sieht man so interessante Arbeiten junger deutschsprachiger Regisseure wie hier in jedem Januar. Zumal in diesem: Die Ausreißer nach unten hielten sich in Grenzen, glatte, konventionell erzählte Filme waren die Ausnahme, und wo dennoch stilistisch der ganz sichere Weg gewählt wurde, wie in Frederik Steiners Sterbehilfe-Film „Und morgen Mittag bin ich tot“, da riss ein vorzügliches Ensemble die Sache raus. Lena Stolze zum Beispiel, die hier als Mutter einer an Mukoviszidose erkrankten und zum Suizid entschlossenen jungen Frau allmählich lernt, die zuvor eng kontrollierte Tochter freizugeben, ohne sie fallen zu lassen. Oder eben Liv Lisa Fries, die für ihre großartige Interpretation der jungen Frau zwischen Resignation und Aufbegehren, Takraft und erbärmlicher Angst völlig zurecht als beste Nachwuchsdarstellerin des Festivals ausgezeichnet wurde.

          Begegnung fremder Welten

          Natürlich muss nicht jeder der Jungfilmer das Rad neu erfunden haben. Aber versuchen sollten sie es wenigstens – wer, wenn nicht sie? Und so wünscht man sich, in Saarbrücken Impulse zu sehen, die im Zweifel Querköpfigkeit den Vorrang vor Allgemeinverständlichkeit geben, einen gepflegten Privatwahnsinn, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt, Zeichensysteme, die lieber überallhin verweisen als ganz aufzugehen. Und Filme, die all dies aufnehmen, ohne die Geschichte zu verraten, die sie erzählen wollen.

          In „Fräulein Else“ von Anna Martinetz etwa, deren Heldin sich ihrem bankrotten Vater zuliebe opfert, ohne sich dem reichen Lüstling preiszugeben, ist der Zusammenprall auf allen Ebenen das großartig umgesetzte Prinzip des Films, der vom Kollaps der Wirtschaft ebenso spricht wie vom Zusammenbruch der einzelnen Figuren. Der reiche Westen trifft auf das Schwellenland Indien, in das die Regisseurin Arthur Schnitzlers eigentlich in Italien spielende Novelle verlegt hat. Der Text der 1924 erschienenen Vorlage trifft – leicht modifizert – auf die Bilder von heute, durch den Dschungel, die Straßen, gar durch das Luxushotel schleicht ein Tiger, und die Tonspur des Films bildet nicht das Geschehen ab, sondern das, was davon zunehmend verzerrt im Kopf der von Korinna Krauss gespielten Hauptfigur ankommt – unter anderem in wunderbaren Wiederholungen früherer Gesprächsfetzen in ganz neuem Umfeld.

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