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Max-Ophüls-Filmfestival in Saarbrücken : Hunger auf gepflegten Privatwahnsinn

Soziale Feldstudien

Honorieren mochte das leider keine der vielen Jurys dieses Festivals, die statt dessen eine Liebe zum Improvisierten bewiesen: Den Hauptpreis erhielt „Love Steaks“ von Jakob Lass, die Liebesgeschichte zwischen Masseur und Köchin in einem Hotel, zwei weitere Preise gingen an „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“ von Isabell Šuba, der das Festivalgeschehen von Cannes aus der Perspektive einer Jungfilmerin darstellt, und auch „Familienfieber“ von Nico Sommer, der dritte Film im Wettbewerb, dessen Dialoge zum Teil am Set entstanden, wurde prämiert. Immerhin enthält er einen Satz, den man beinahe weise nennen möchte, nicht nur aus dem Mund eines Neunzehnjährigen, gerichtet an seine zweifelnde siebzehnjährige Freundin: „Wenn du nicht weißt, wie lange wir zusammen sein werden – warum sind wir dann zusammen?“

Denn von Liebe war allenthalben die Rede, nicht zuletzt von der zwischen den Generationen: Filmemacher, deren Eltern vor Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert sind, nahmen sich dieser Migrationsbewegung an, beleuchteten – wie Anna Hoffmann in „Poka“ –, welche Illusionen bei den Russlanddeutschen allmählich auf der Strecke blieben, wie Angst und Scham der älteren Generation eine Integration verhindern, die die jüngeren meistern („Entwurzelt“ von Duc Ngo Ngoc) oder wie die Sprachlosigkeit zwischen dem koreanischen Vater und dem in Deutschland aufgewachsenen Sohn ein solch ungeheures Maß annehmen, dass selbst gelegentliche Tiraden verpuffen. Dabei belässt es der Regisseur Il Kang aber nicht, und deshalb war sein Film „Seme“ ein weiterer Höhepunkt des Festivals: In Einstellungen, die sich Zeit nehmen und Stuhlbeinen, Bogensehnen oder Arbeitsflächen mindestens soviel Beachtung schenken wie den Protagonisten, verhandelt der Film nichts geringeres als die umfassende Isolation, die Vater und Sohn umgibt, jeden auf seine Weise. Dass sie doch zu einer Art Staffelübergabe zusammenfinden, ist ein mittleres Wunder. Und auch, wie dabei eine Feier des Eigensinns abgehalten wird.

Publikumsgewinner: Eine schreckliche Liebesgeschichte

Ein Liebesfilm, kein Zweifel, wenn auch einer, der ohne einen einzigen Kuss auskommt. Auch der Horrorfilm „Blutgletscher“ entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Liebesfilm, schließlich hat er seine zärtlichsten Momente bei den Interaktionen zwischen dem kauzigen Weltenretter und seinem geliebten Hund – die letzten Minuten des Filmes machen sogar deutlich, dass dies Folgen hat, die den Tod des Tiers locker überdauern. Und schließlich steuert auch „High Performance“ von Johanna Moder auf einen Liebesfilm zu, mit allem, was dazu gehört: Der arme Schauspieler Daniel wird von seinem stinkreichen Bruder Rudy gebeten, eine junge Mitarbeiterin im freien Sprechen zu trainieren und dabei auszuhorchen – er habe sich nämlich in jene Nora verliebt, traue sich als ihr Chef aber nicht recht an sie heran.

Daniel also trifft Nora, es kommt zu einer Annäherung der beiden, und wenn irgendetwas eine Brücke bauen könnte zwischen den Sphären von Off-Theaterschauspieler und Software-Entwicklerin, dann der Funkenregen zwischen Nora und Daniel. Was dann aber passiert und, wie es scheint, notwendig passieren muss, ist unsagbar traurig, und Dürrenmatts berühmtes Wort, eine Geschichte sei erst auserzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe, bewährt sich hier aufs hässlichste. Nicht nur, weil Daniel immer wieder auf Rudy hereinfällt, der sich überhaupt als der bei weitem bessere Schauspieler erweist. Sondern auch, weil das kühl umgesetzte Drehbuch des Films vorführt, wie in den Interferenzen von Kunst und Kommerz alles unter die Räder kommt, was die moralische Integrität der Figuren ausmacht, ihre Liebe zu allererst. Und dass sie so lächerlich einfach zu manipulieren sind, ist alles andere als tröstlich.

So gesehen, verbarg sich hinter der Maske des Liebesfilms der eigentliche Horrorfilm dieses Wettbewerbs. Bei den Jurys ging auch er leer aus. Die unbestechlichen Zuschauer des Festivals aber zeichneten ihn mit dem Publikumspreis aus.

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