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Maurizio Cattelans Banalkunst : Art Banane

  • -Aktualisiert am

Dem Künstler zufolge eine hochpolitische Anklage des „globalen Handels“ und zugleich „klassisches Instrument des Humors“: Maurizio Cattelans mit Gaffa-Tape an die Messewand geheftete „Comedian“ auf der Art Basel Miami 2019 Bild: EPA

Maurizio Cattelan war noch nie für subtile Kunst bekannt. Bei ihm wird der Papst von einem Meteoriten erschlagen, fleht eine kniende Hitlerfigur um Vergebung oder steht ein goldenes Klo zur Benutzung bereit. Auf der Messe Art Basel Miami hat er eine Banane an die Wand geklebt - ein neuer Tiefpunkt.

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          Ein heiliger Schwur zu Beginn: Von dieser Stelle soll nie wieder ein Satz über Bananen in der „Kunst“ ausgehen, keine Rede mehr sein von durch Andy Warhol aufs Cover des Velvet Underground-Albums gesetzte, noch von durch Thomas Baumgärtel auf Museen, Möbel und gut verkäufliche Unterlagen gesprayte. Und schon gar nicht von einer bereits etwas bräunlichen Vertreterin der Familie der Musaceae – Linné hat doch tatsächlich das lateinische Musa für die Banane abgewandelt –, die vom Italiener Maurizio Cattelan nun auf der Messe Art Basel Miami mit silberschimmerndem Gaffaband unter dem Titel „Comedian“ an die Standwand seiner Pariser Galerie geklebt und kurze Zeit später für 120000 Dollar verkauft wurde.

          Eat Art? Der georgische Künstler David Datuna verspeist die Cattelan-Banane vor den Augen eines großen Publikums auf der Messe Art Basel Miami

          Leonardo als Zeuge

          Sofort griff der Mechanismus des gut geschmierten Kunstmarkts: Auf einer Verkaufsmesse, auf der unter den hyperkritischen Blicken von Leonardo DiCaprio und Sean Penn Objekte erstanden werden, sind die nötigen fünfzehn Warhol-Minuten Ruhm gesichert, denn von Cattelan als Artisten des Allerbanalsten stammte auch schon die Figur des von einem Meteoriten niedergestreckten Papstes Johannes Paul II., dem laut Legende polnische Abgeordnete bei einer Ausstellung in Warschau besorgt auf die Beine helfen wollten, oder auch das massivgoldene Örtchen, das kürzlich aus dem englischen Blenheim Palace entwendet wurde. Unglücklich wirkte der Künstler über diesen Raub in seinen letzten Interviews nicht.

          Maurizio Cattelans massivgoldenes Örtchen „America“, zuerst  2017 im Guggenheim Museum New York zur Benutzung freigegeben, danach im englischen Blenheim Palace ausgestellt, wo es im September 2019 gestohlen wurde

          Neuer Marktkniff: Kunst wird teurer, wenn sie zerstört wird

          Ebenso wenig wie jetzt darüber, in dem Georgier David Datuna einen Zweitkünstler auf der Art Basel Miami gefunden zu haben, der die Banane rein zufällig von der Wand entfernte und im Blitzlichtgewitter von mindestens drei Dutzend juwelenbehängten Gaffern und Gafferinnen in aller Seelenruhe verspeiste – ohne Eingreifen des Galeristen. Kunstmarkt kann so einfach sein. Die Formel zum Nachahmen für jedermann heißt schlicht: Verursache, erstens, einen Skandal, sorge sodann dafür, dass er möglichst weitere Kreise zieht (Diebstahl oder Beschädigung des Werks wären ideal, kennt man von Banksys zufällig im Auktionshaus zur Hälfte geschreddertem Kunstwerk mit sofort anschließender erheblicher Wertsteigerung).

          Selbstbild als Banane: Die nach der Fressattacke von David Datuna erneuerte Gelbfrucht wird zum Instagramobjekt

          Muss doch dann aus Gründen der Informationspflicht auch die seriöse Presse wie ein Pawlowscher Hund berichten. Überflüssig zu erwähnen, dass die Sammlerin über das kurzzeitige Abhandenkommen der von ihr teuer erworbenen Banane im Gedärm von Datuna keineswegs ungehalten war. Sie ist mit dem rasch geleisteten Ersatz durch die Galerie, eine neu an die Kojenwand geheftete (FairTrade?-)Banane, einverstanden, zähle doch bei Cattelan ohnehin nur die Idee. Was für ein wunderbares, stets austauschbares Konversationsstück an der Wand, für alle Zukunft. Ein „Comedian“, der Böses dabei denkt?

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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