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Amerikas Polizei : Lage peilen, angreifen und zerstören

  • -Aktualisiert am

Konfrontation mit der Polizei bei einer Demonstration von Anti-Rassismus-Kämpfern vor dem Weißen Haus in Washington D.C. am 1. Juni 2020. Bild: AFP

Das Problem der Vereinigten Staaten besteht darin, dass Polizeibeamte nicht dazu ausgebildet sind, schwierige Situationen zu deeskalieren. Sie sind geübt, Gewalt einzusetzen und Schwarze zu drangsalieren. Ein Gastbeitrag.

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          Die jüngsten Aufnahmen mehrerer Polizisten, die George Floyd töten, sind verstörend, aber ein Schock sind sie nicht. Ich bin Schwarz, ein Mann und habe mein ganzes Leben in den Vereinigten Staaten verbracht. Und obwohl ich immer wieder zu hören bekam, es sei Aufgabe der Polizei, die Bürgerinnen und Bürger vor Unheil zu bewahren, legen meine eigenen Erfahrungen und die der Menschen, die mir am nächsten stehen, doch nahe, dass unsere Beamten dazu ausgebildet werden, mehr Unheil anzurichten, als Gutes zu tun. Die Grundeinstellung unserer Polizeikräfte ist eine kriegerische. Lage peilen, angreifen, überwältigen, vernichten. Ganz anders als die Sicht auf unsere Gesetzeshüter, die wir beigebracht bekommen.

          Als ich noch ein Kind war, kam Officer Friendly zu uns in die Schule. Officer Friendly erklärte unserer Klasse, worin seine Aufgaben bestanden. Er erzählte uns, er sei der Freund und Helfer aller Menschen. Er erzählte uns, wenn jemand in Schwierigkeiten gerate, sei er da, um zu helfen und die Wogen wieder zu glätten. Zahllose Amerikanerinnen und Amerikaner haben Besuch von Officer Friendly erhalten, über viele Jahrzehnte hinweg. Er war kein Mensch, sondern ein Symbol. Ein Symbol für das Gute. Er war Propaganda.

          Ich war in den achtziger Jahren Kind. Meine Heimatstadt New Orleans erlebte damals den War on Drugs, den Krieg gegen die Drogen. Dabei handelte es sich um ein Maßnahmenpaket, das Polizeibeamte zu einem brutalen Vorgehen gegen alle berechtigte, die im Verdacht standen, Drogen zu besitzen, zu verkaufen oder zu konsumieren. Das Ergebnis dieser Politik war, dass landesweit Schwarze Viertel entvölkert wurden und Millionen Männer, Frauen und Kinder ins Gefängnis kamen. Sie ist der Grund, dass die Vereinigten Staaten die höchste Inhaftierungsrate weltweit verzeichnen. Sie ist auch der Grund für das Missverhältnis zwischen dem Prozentsatz inhaftierter Schwarzer in den Vereinigten Staaten und unserem Anteil an der Gesamtbevölkerung.

          Auch heute wird die War-on-Drugs-Politik noch weitergeführt, wenn auch nicht mehr unter dieser Bezeichnung. Die Polizeidienststellen entsenden ihre Beamten in Schwarze Viertel und übersehen Gesetzesverstöße in anderen Gegenden. Es ist ganz normal, dass die Privatwohnungen Schwarzer durchsucht werden, während ein paar Straßenecken weiter nicht-Schwarze Studierende unbehelligt ihre Drogen konsumieren. Zudem sind die Polizeidienststellen überwachsam, wenn es um das Verhalten Schwarzer Bürgerinnen und Bürger geht. In etlichen Rechtsbezirken werden beispielsweise afroamerikanische Autofahrende sehr viel häufiger angehalten als nicht-Schwarze. Dieses Vorgehen hat zum Tod von Menschen wie Sandra Bland, Philando Castile und vielen weiteren geführt. Zudem wurde festgestellt, dass etliche Kommunen einen beträchtlichen Anteil ihres Jahreshaushalts über solche Aktivitäten bestreiten. So werden die Steuerabgaben Schwarzer Bürgerinnen und Bürger dafür missbraucht, uns weiter zu unterdrücken.

          Schlecht bezahlte Arbeit

          Aber es ist ja nichts Neues, dass amerikanische Städte sich über die Unterdrückung ihrer Schwarzen Bevölkerung finanzieren. Während der Sklaverei wurden die meisten Schwarzen gezwungen, auf den Baumwollfeldern und in den Häusern der Plantagenbesitzer zu arbeiten, ohne Bezahlung und ohne das Recht, zu kündigen. Diese Form der Vermögensförderung stärkte das frühe Amerika. Als die Sklaverei schließlich abgeschafft war, traten die Jim-Crow-Gesetze in Kraft. Das erlaubte den Regierungen und Unternehmen, gegen geringere Löhne von Schwarzer Arbeitskraft zu profitieren. Schwarze Bürgerinnen und Bürger blieben von besserer Bildung und lukrativen Branchen ausgeschlossen. So wurden sie in schlecht bezahlte Arbeit abgedrängt, die kaum Möglichkeiten zum Aufstieg oder zu beruflicher Zufriedenheit bot. Die Gefängnisse und Vollzugsanstalten nahmen unterdessen den Platz der Plantagen ein. In diesen Einrichtungen wurden Schwarze erneut gezwungen, unentgeltlich schwere Arbeit zu verrichten, während ihnen gleichzeitig jede Möglichkeit zur persönlichen Besserung in einer freien Gesellschaft verwehrt blieb.

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