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Mattscheibe : Mit Volldampf ins Sommerloch - die neue Quizshow „Speed“

Er hilft wirklich - Quizshow-Moderator Steven Gätjen Bild: Pro7

Quizshows müssen aus Sender-Sicht nicht originell sein, sondern rentabel - vielleicht schafft die Pro7-Show wenigstens letzteres.

          3 Min.

          Der Untertitel von „Speed“ heißt: „Time is money“ - wem seine Zeit wirklich was wert ist, der sollte sie nicht mit einem solchen Fernsehprogramm vergeuden. Die Gleichung „Zeit ist Geld“ geht - zumindest eine Zeitlang - nur für Pro7 auf, den Sender der neuen Quizshow: Bei der Bewerberhotline für Telefonkandidaten und in den Werbepausen ist „Time“ wirklich „Money“.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Show ist „Speed“ beileibe keine originelle Idee. Es ist eine der vielen Quizshow-Varianten, die seit dem Erfolg von „Wer wird Millionär?“ (WWM)wie Pilze aus der Erde schossen. Nicht einmal „Speed“ haben die Macher der Pro7-Show bewiesen, langsamer ist jetzt nur noch die ARD mit der Jörg-Pilawa-Quizshow. Als der ARD-Programmdirektor Dr. Günter Struve auf der diesjährigen „Cologne Conference“ ankündigte, die ARD habe nun endlich die ultimative Quizshow entwickelt, hatte er die Lacher im Publikum auf seiner Seite.

          Passable Geschäftsidee

          In erster Linie ist „Speed“ eine passable Geschäftsidee - und die muss ja nicht immer neu sein. Offenbar will der Sender mit einer relativ preisgünstigen Show durch Werbeeinnahmen und die Bewerber-Hotline Geld verdienen und außerdem, durch die Einrichtung eines Internet-Trainigslagers, die sendereigenen Websites attraktiver machen. Längst hat unter den deutschen Fernsehsendern das Prestigeduell um die meistbesuchte Homepage begonnen. RTL liegt momentan dank des WWM-Trainingslagers klar vorn - die RTL-Homepage ist sogar eine der erfolgreichsten Deutschlands.

          Für die beiden Erfolgsmomente „Trainingslager“ und „Bewerber-Hotline“ wirbt Pro7 im Umkreis von „Speed“ intensiver als RTL. Dort ist Werbung allerdings auch nicht mehr nötig. Pro7 gibt beispielsweise kurz vor dem „Speed“-Finale einem Telefonkandidaten die Chance zum Gewinn von 6.000 Euro - die Einnahmequelle „Telefonie“ wird dadurch zusätzlich angekurbelt.

          Den Fragen fehlt der Witz, der Moderator hilft

          Der Moderator Steven Gätjen - nach Angaben des Senders bekannt durch „Fort Boyard“ - versucht klugerweise gar nicht erst, es mit Günther Jauch aufzunehmen. Zu mimischer Akrobatik und witzigen Bemerkungen gäbe es freilich auch gar keine Zeit, denn Tempo ist ja angesagt. Gätjen hält sich zurück. Nur bei den Antworten hilft er manchmal und durchbricht damit ein ehernes Quizshow-Gesetz. Das Bühnenbild ist eine Kombination aus neuen technischen Möglichkeiten und dem Show-Ambiente der 70er und 80er Jahre. Auch die Buchstabenunterstützung bei den Antworten erinnert an Fuchsbergers „Auf los geht's los“.

          Die Fragen richten sich gezielt an junge Leute. Es geht viel um Sport, Lifestyle, Computer - und Fernsehen. Die richtigen Antworten heißen zum Beispiel „Arabella Kiesbauer“ oder „Stefan Raab“. Schwieriger ist die Frage nach dem Beruf von Onkel Heini aus „Uhlenbusch“. Gibt es in „Wer wird Millionär?“ durchaus anspruchsvolle Fragen, die sich auf einen gewissen Bildungskanon beziehen, wird bei „Speed“ nach dem vollständigen Titel von Simmels „Der Stoff aus dem ...“ gefragt.

          Das ist vielleicht das größte Manko der Sendung: Die Fragen machen keinen Spaß, ihnen fehlt die intelligente Absurdität, die WWM-Fragen manchmal haben. Auch die nicht zu unterschätzende Lust, mal wieder im Lexikon nachzuschauen, rufen sie nicht hervor. Das Gefühl bleibt aus, in der Sendung vielleicht auch mal was zu lernen.

          Wohltätige Promis, die keine sind

          Eine bescheidene neue Idee: Drei Promis dürfen den drei Kandidaten, die ums Finale spielen, bei der Beantwortung der Fragen helfen. Haben sie die passende Antwort parat, können sie sie den Kandidaten verkaufen. Dann wird gehandelt, unter Zeitdruck. Der sich dabei ergebende Betrag wird für einen guten Zweck gespendet, den der Promi auswählen darf.

          Aber was heißt heutzutage schon Promi? Ist Barbara Schöneberger ein Promi? Sie fiel bisher nur dadurch positiv auf, dass sie als Moderatorin von „Girls Camp“ ausgestiegen ist. Axel Schulz geht schon eher als Promi durch, er war aber nicht gerade ein Segen für „Sport gegen Gewalt“. Nur 400 Euro gewann der ehemalige Profiboxer. Aber vielleicht gibt er ja was von den Werbeeinnahmen ab, die er von dem Fernsehsender auf seiner Mütze erhält.

          Die auffälligste neue Idee der „Speed“-Macher: Beträge werden in Euro angegeben. Dann braucht man 2002 wenigstens nicht mehr umzustellen - wenn man es bis dahin überlebt. Der Gewinn der ersten Finalistin ließ sich übrigens sehen. Es waren immerhin 23.120 von möglichen 165.000 Euro.

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