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Mattscheibe : Abenteuerspielplatz Bürgerkrieg

  • -Aktualisiert am

Straßensperre auf dem Schulweg Bild: Arte

„Die Kinder von Beirut“, ein beeindruckender Spielfilm über den Alltag des Krieges im Nahen Osten.

          Täglich erreichen uns Nachrichten über den Krieg im Nahen Osten. Aber wie die Bewohner dort das Abgleiten ihres Alltags in den Krieg erleben, das verraten die Nachrichten nicht. Ein Spielfilm, „Die Kinder von Beirut“, zeigt den Beginn des Bürgerkrieges im Libanon. Der Film läuft an diesem Dienstagabend auf Arte und verdeutlicht: Die Zivilbevölkerun in einem Krieg ist in der Lage, so lange die Augen vor der Gewalt zu verschließen, bis sie selbst von einer Gewehrsalve getroffen werden.

          Ein Junge, der mit der Handkamera ein über der Stadt fliegendes MiG-Kampfflugzeug aufnimmt, das abgeschossen wird - mit dieser Szene beginnt der Film. Derselbe Junge, der auf dem Schulhof die französische Nationalhymne nicht mitsingt und statt dessen die Hymne des Libanon anstimmt - das ist die zweite Szene. Der Krieg als Attraktion und die Befreiung von der Fremdbestimmung, das sind die beiden Themen dieser Bilder.

          Faszination der Gewalt

          Der Film erzählt die Anfänge des Bürgerkriegs im Libanon im April 1975 aus der Perspektive des 14-jährigen Tarek. Er lebt im muslimischen Teil der zwischen Christen und Moslems geteilten Stadt. Tarek erlebt ganz am Anfang des Films, wie ein Bus mit palästinensischen Passagieren von christlichen Milizionären angegriffen wird. Doch er staunt darüber so, wie man über ein unerhörtes Ereignis staunt. Er ist gebannt und fasziniert. Aber er scheint keine Abscheu für den Anschlag zu empfinden.

          Viel stärker ist der Junge von seiner erwachenden Sexualität in Anspruch genommen. Er interessiert sich für Mädchen. Der Krieg tobt anfangs nur im Hintergrund. Als sich die Kampfhandlungen immer mehr zwischen ihn und seine Sehnsüchte stellen, entdeckt er den Krieg mehr als Abenteuerspielplatz.

          Die ersten, die unter dem Krieg leiden, sind die Erwachsenen, allen voran Tareks Mutter Hala, die immer weniger bereit ist, die Last dieses Bürgerkriegs mitzutragen. Sie drängt Riad, ihren Ehemann, aus dem Land zu fliehen. Doch Tareks Vater weigert sich, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

          Der Krieg wird verdrängt

          Tarek, Omar und das Mädchen May erleben das erste Kriegsjahr ganz unbeschwert: Sie entdecken ihre Sexualität und leben in völliger Sorglosigkeit. Doch nach und nach werden sie von der Spirale der Gewalt erfasst.

          „Die Kinder von Beirut“ veranschaulicht, wie lange ein Bürgerkrieg verdrängt werden kann, wie groß die Gravitationkräfte sind, die Menschen an ihrem Platz festhalten. Fast ist es, als erstarrten die Menschen beim Anblick der Gefahr wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange.

          Der Film gewinnt seine Aktualität nicht allein durch den Beinah-Krieg im Nahen Osten, der Europäer vor die Frage stellt, wie Menschen mit der täglichen Gewalt zu leben lernen und vor die Frage, wann eigentlich der Punkt erreicht ist, wo einen auch nahestende Menschen und Gewohnheiten nicht mehr davon abhalten können, zu emigrieren.

          Die Anfänge der PLO

          Der Film führt auch schmerzlich vor Augen, wieviel Blut eigentlich schon im Namen des Palästinenserproblems vergossen wurde. Denn das war auch die Ursache für den Bürgerkrieg im Libanon. Im israelisch-arabischen Krieg 1948/49 waren über 100.000 Palästinenser in den Libanon geflohen.

          Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 begann die PLO ihren Guerillakampf gegen Israel. Den libanesischen Christen gelang es nicht, Arafat und die PLO mit Hilfe der Armee zu kontrollieren. Daraufhin wurden die christlichen Milizen gegründet. Bis zum offenen Bürgerkrieg war es dann nur noch ein kleiner Schritt - so wie es auch jetzt nur ein kleiner Schrittes bedürfte, um das gemarterte Land wieder in einen Krieg zu stürzen.

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