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Matthias Matussek im F.A.S.-Gespräch : Wir haben den besseren Weihrauch

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Ich habe aufgehört, zur Beichte zu gehen, als ich anfing zu sündigen. Ich wollte nicht um Vergebung dafür bitten, dass ich geknutscht hatte.

Das ist doch keine Sünde. Darüber lacht jeder verständige Beichtvater.

Dann sind wir aber in einer Kirche, die sich gewaltig modernisiert hat. Dass der Papst mit Habermas diskutiert; dass die katholische Kirche sich für die Rechte der Muslime einsetzt; dass sie überhaupt eine Bastion der Toleranz geworden ist: Das ist doch nicht die alte Kirche, die es nicht dulden konnte, dass in Rom ein evangelisches Gotteshaus gebaut würde.

Ich bin dankbar, dass Sie das so zusammenfassen. Der Papst wird ja oft für seine angebliche Sturheit gegeißelt, dabei ist er der Papst der spannenden Diskurse. Glaube und Vernunft, das ist sein großes Thema, und dass er den Islam als Gesprächspartner bekam, das ist eine Folge seiner Regensburger Rede, die aus meiner Sicht richtig und notwendig war: zu sagen, dass der Islam doch bitte auch durchlaufen soll, was das Christentum durchlaufen hat. Die Aufklärung, das Gebot der Toleranz.

Die Aufklärung wurde nicht im Vatikan beschlossen.

Es wird immer wieder vergessen, dass die Aufklärung auch innerhalb der Kirche gedacht und vorangetrieben wurde. Die ganze Philosophiegeschichte von 400 bis 1600 ist im Grunde Kirchengeschichte. Es ist doch nicht so, dass Diderot eines Morgens aufwachte und die Aufklärung erfand. Quatsch, die hatte eine lange Vorgeschichte, die sich zum Beispiel in Klöstern abspielte und von Theologen betrieben wurde. Voltaire, der große Kirchenkritiker, hat auf dem Totenbett gesagt: Die Vorstellung ist gut, dass es einen lohnenden und strafenden Gott gibt. Ohne das geht es nicht. Und gerade das Pontifikat Benedikts steht im Zeichen der Vernunft, des Dialogs. Ich konnte es kaum fassen, wie der Bischof Huber, bei der Buchvorstellung in Berlin, mir vorgeworfen hat, mein Katholizismus sei so unglaublich traditionell. So papsttreu. Ja was denn sonst?

Ich kann verstehen, warum viele Katholiken von diesem Papst enttäuscht sind. Ich glaube, es gab die Hoffnung, dass ausgerechnet er, der ehemalige Großinquisitor, der Dogmatikprofessor, dass dieser Mann die Kraft für Reformen haben würde. So wie es die Kriegspartei ist, die den Frieden schließen muss. Ich glaube, an Benedikt hat sich die Hoffnung geknüpft, dass er, gerade weil er so ein konservativer Theologe ist, genau unterscheiden würde zwischen dem Glaubenskern und den Dingen, die dazu nicht gehören. Und das sind eben der Zölibat, die Rolle der Frau, die Rechte der Laien . . .

Seltsam, wie sich das Bild vom Papst in den letzten sechs Jahren gewandelt hat. Er war der lächelnde Papst, ein Medienpapst, fast wie sein Vorgänger, der charismatische Johannes Paul II. Seine ersten Enzykliken wurden mit Begeisterung aufgenommen, gerade die über die Liebe. Das hätte ja keiner vermutet, dass der Professor so tief über die Liebe zwischen Mann und Frau, über die Liebe in der Welt nachdenken kann. Wie es heute steht, hat Bernard-Henri Lévy auf den Punkt gebracht: Sobald vom Papst die Rede ist, herrschen Vorurteil, Bösartigkeit, Verzerrung.

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