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Matthias Matussek im F.A.S.-Gespräch : Wir haben den besseren Weihrauch

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Was ja gewissermaßen ein evangelischer Standpunkt ist. Die Kritik der Protestanten an katholischer Praxis geht ja so: Ihr mit eurem Festtagskalender, euren Prozessionen, den Ritualen, mit dem ganzen Budenzauber, ihr verliert darüber Gott ganz aus den Augen.

Mein Priester in New York hat es so ausgedrückt: Ein Ritual ohne Glaube ist leer, ein Glaube ohne Ritual ist gestaltlos. Wir brauchen das Ritual, um zu evozieren, woran wir glauben. Ich glaube, dass es richtig ist, sich hinzuknien während der Wandlung, dann aufzustehen, ein Gebet zu sprechen. Das hilft mir, das ist eine wichtige Stütze. Peter Sloterdijk sagt, der Protestantismus sei eine Do-it-yourself-Religion. Jeder ist unmittelbar zu Gott, jeder positioniert sich so, dass er in den inneren Dialog mit Gott tritt. Das ist schon wichtig gewesen.

Luther hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt hat, schreibt Marx.

Marx schreibt, im selben Text, der Einleitung Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, aber auch: Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Er hatte ein tiefes Verständnis für die Religion. Ich bin mit Leib und Seele katholisch, ich denke, ich fühle, ich träume katholisch - und ich will nicht in Sack und Asche herumlaufen und mich geißeln dafür. Wenn in den Feuilletons vom Katholizismus die Rede ist, dann geht es in neunzig Prozent der Artikel um Missbrauch, um Skandale, all diese Sachen. Mein Buch war der Versuch, alldem eine Liebeserklärung an meine Kirche entgegenzusetzen.

Was mich wundert, das ist, wie wenig von Zweifeln die Rede ist, von den Qualen, dem Schuldbewusstsein, die damit verbunden sind. Als ich anfing zu zweifeln, da fürchtete ich, dass ich in der Hölle dafür würde büßen müssen.

Das steht doch auch drin in dem Buch: dass ich an die Hölle geglaubt habe, an den Himmel, ans Fegefeuer, an Heilige. Die ganze barocke Theatralik in einer Kinderseele.

Das ist keine barocke Theatralik. Das sind existenzielle Nöte. Das ist die schwarze Seite einer katholischen Erziehung. Irgendwann kommen die Zweifel. Und dann fürchtet man sich wirklich vor der Hölle und kann sich den Teufel in Person sehr gut vorstellen. Man träumt schlecht. Man hat Angst, im Fegefeuer aufzuwachen.

Ich war im Internat. Ich habe jeden Morgen ministriert, ich habe nie Angst gehabt, dass ich in die Hölle kommen könnte.

Gott schaut dir zu, wie du, während du das Weihrauchfass schwenkst, an die Beine von Anke denkst oder darüber grübelst, ob der Kaplan homosexuell ist. Der reine Horror.

Dass Gott einem dauernd zuschaut, das kann lästig sein, besonders in der Pubertät. Da wäre man ganz gerne mal alleine. Aber in der verzweifelten Form habe ich es nie erlebt. Ich bin immer gern zur Beichte gegangen, und danach habe ich mich entlastet gefühlt. Dass einem vergeben wird, das ist ein wunderbares Sakrament. Die Psychoanalyse in Kurzform. Das erspart zehn Jahre auf der Couch.

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