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Matthias Matussek im F.A.S.-Gespräch : Wir haben den besseren Weihrauch

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Solange man selber einer ist.

Es kommt auf die Botschaft an. Ich glaube, es gibt auch einen Respekt der Tradition gegenüber, einer Form, die sich eben so entwickelt hat. Ich sehe Jesus und seine Jünger, und das war nun mal eine Runde von Männern. Dessen ungeachtet spielen natürlich Maria, Maria Magdalena, die Frauen, die unter dem Kreuz standen, eine wichtige Rolle. Es gab immer große Frauen, Heilige. Aber warum muss man an der traditionell männlichen Struktur, der feudalen Pyramide der Kirche etwas ändern?

Sie sprechen wie ein Antiquitätenhändler: Hier habe ich einen Barockschrank, alles echt, alles alt, kein modernes Detail dabei.

Der kommt eben mit vier Beinen. Mit drei Beinen wäre es kein richtiger Schrank.

Was Tradition ist, ist richtig, und Kritik wird von Ihnen immer zurückgewiesen. Aber selbst der Papst, als Wissenschaftler, liest die heiligen Texte auch historisch-kritisch. Und die Traditionen der Kirche sind doch etwas Gewordenes, nichts Naturwüchsiges.

Umso grandioser, dass es nicht naturwüchsig ist; sondern dass es eine kulturelle Form ist. Ich habe gar kein Interesse, daran herumzureformieren. Paul Feyerabend hat einmal gesagt: Die Kirchenreformer sollen doch bitte draußenbleiben oder zum Protestantismus übertreten, statt die Kirche, die da ist, kaputtzureformieren. Da ist was dran.

Als in Italien die Renaissance begonnen hatte, in Frankreich aber noch die Gotik andauerte, kamen die ersten Pilger mit ungeheuren Nachrichten nach Frankreich zurück. Der neue Stil sei skandalös, so jugendlich, so sinnlich, so irdisch. Sie sprachen von Kirchen, von der Kuppel des Florentiner Doms.

Wenn ich eine Kirche erlebte, die genauso visionär wäre, die mich derart beflügeln würde: Mein Herz und alles andere würde sofort überlaufen. Aber die Alternative, die angeboten wird, das sind Klarsichthüllen tragende Gremienkatholiken, die entzauberte Altarräume basisdemokratisch ausgeschmückt haben wollen, mit Kinderzeichnungen. Es ist eine demystifizierte, völlig vergewöhnlichte Kirche. Die beflügelt mich nicht.

Ist das nicht ein Zerrbild? Ein Feindbild, auf das man sich natürlich sehr leicht einigen kann?

Nein, ich sehe den großen Versuch, aus der katholischen Kirche eine protestantische zu machen. Meine Kirche ist die, in der das Mysterium lebt, eine Kirche als Gegenwelt zu der Welt da draußen, wo man von Mitbestimmung redet und Product Placement betreibt; wo aus der Frömmigkeit ein Werbeslogan wird und all dieser Kram. Eine Kirche, in der Messen zelebriert werden können und wo man zur Beichte geht.

Um es ganz hart zu sagen: Als so eine Gegenwelt lässt sich jede Yogastunde beschreiben. Ist das der Vorteil der Katholiken: Wir haben den besseren Weihrauch? Oder geht es darum, sich von einem Protestantismus zu unterscheiden, in dem kaum noch von Gott die Rede ist?

Der Einwand ist gut, die Kirchenkrise ist eigentlich eine Gotteskrise, wir reden zu wenig von Gott. Wenn der Papst sagt: Ich komme, um euch von Gott zu predigen, ist das eigentlich eine Binse. Aber darum geht es in dieser Zeit, da Religion nur noch ein Vorwand ist, ein Fest zu feiern. Wir müssen von Gott sprechen, von den Sakramenten, von der Eucharistie.

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