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Mathias Énards Roman : Im Rausch der Sprache

  • -Aktualisiert am

Der französische Schriftsteller und Übersetzer Mathias Énard Bild: dpa

Epische Viktualienschlacht: Mathias Énards Roman „Das Jahresbankett der Totengräber“ ist eine Panoramaschau der Jahrhunderte und elegante Hommage an Rabelais, gefüllt mit kulinarischem Vokabular der Extraklasse.

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          Welch Überraschung: Auch diesen Roman von Mathias Énard hätte man am Mittelmeer erwartet, in Barcelona, Venedig, Istanbul, vielleicht noch in der Brückenstadt Wien, an irgendeinem Ort, wo Orient und Okzident sich begegnen, doch „Das Jahresbankett der Totengräber“ spielt kurz vor der Atlantikküste. Auch ein urbanes Setting schien dem treuen Leser typisch – und hopp, da stranden wir in La Pierre-Saint-Christophe: Ausgerechnet der Kosmopolit Énard bereichert die französische Literatur um einen Roman übers Leben zwischen Hof und Angler-Café, Sumpf und Acker, Terrine und Schnaps. Das Landleben ist jedoch kein Selbstzweck, Énards Alchemie verwandelt es ins Universelle: „Das Jahresbankett“ ist ein kosmisches Werk über Essen und Liebe, über Tod und Reinkarnation, über die alles verdauende und sublimierende Macht der Sprache.

          Der Pampa des Bas-Poitou nähert sich Énard über eine Finte: Er schickt David Mazon dorthin, knapp dreißig, angehender Ethnologe, dessen Doktorarbeit „eine richtige Monographie über das Landleben“ werden soll. Der distanzierte, aber gutwillige Blick des etwas tölpelhaften Neuankömmlings erlaubt Énard die vorsichtige Annäherung, das schrittweise Ablegen diverser Vorurteile. Davids Feldtagebuch bildet den Rahmen, das erste und das letzte von sieben Kapiteln. Der Nachteil einer beschränkten Außensicht wird in den Innenkapiteln ausgeglichen: Ein quasi-göttlicher Erzähler eröffnet eine Panoramaschau, die Jahrhunderte umfasst. In der Mitte des Romans thront die zentrale Szene, der Bericht vom Jahresbankett der Totengräber. Als Einschübe zwischen den Kapiteln schließlich finden sich fünf „Chansons“.

          Ein buddhistischer Roman?

          David bietet einen flotten Einstieg. Er ist ein prätentiöser und dennoch liebenswerter Fehlzünder der Wissenschaft: Man folgt seiner einjährigen Entwicklung vom scheiternden Doktoranden zum zufriedenen Bio-Landwirt, vom geilen Liebhaber der Pariserin Lara zum Lebensgefährten von Lucie Moreau, einer Mittdreißigerin „im Hippie-Landlook“. Letztere ist eine zentrale Gestalt in La Pierre-Saint-Christophe: Von den übrigen 648 Seelen dieses Dorfes interessieren Lucies Großvater und seine tragische Lebensgeschichte, Lucies behinderter Cousin Arnaud (ein Automechaniker und Jahrestags-Herunterbeter), Thomas als fieser und lüsterner Wirt des Angler-Cafés, der Bürgermeister und Bestattungsunternehmer Martial, Mathilde und Gary, beide Landwirte und Vermieter Davids, der Künstler Max, mit dem David sich anfreundet, sowie dessen Geliebte Lynn, eine Friseurin und Lucies beste Freundin.

          Das Personal wird noch erweitert um Ahnen – und um frühere Inkarnationen der Figuren. Denn Énard schreibt einen buddhistischen Roman: „Als der sehr von sich überzeugte Anthropologe David Mazon angeekelt eine halbe Flasche Javelwasser über die roten Anneliden kippte, die sein Badezimmer bevölkerten, wusste er nicht, dass er damit die Seelen finsterer Mörder ins Lebensrad zurückschickte, Seite an Seite Marseil Sabourin, 1894 guillotiniert, der kleine Chaigneau, 1943 guillotiniert, dazu die erlauchten Henker Deibler und Desfourneaux, die sich alle mit ihren Gewalttaten mehrere Generationen währendes Leiden und blindes Umherkriechen in der Nässe eingehandelt hatten.“ Am Rande: Das Leben all dieser mal wichtigen, mal anekdotischen Figuren bringt Énard mühelos unter. Vermutlich führt er die Reinkarnationslehre – Lebensrad, „Klares Licht“ und Bardo (das tibetische Intervall zwischen den Existenzen) inklusive – aus rein erzählerischen Gründen ein, denn der Kunstgriff erlaubt es ihm, die Geschichte der weiteren Umgebung in den Roman zu holen. Einen Kern gibt es dennoch: die brutale und traurige Geschichte von Lucies Familie.

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