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Covid-19-Pandemie : Wer rechnen kann, verhält sich anders

Ob man aus der Befolgung der Hygieneregeln auch umgekehrt auf ein besseres Mathematikverständnis schließen kann, ließ die psychologische Studie offen. Bild: Deutsche Bahn AG

Die Pandemie hat uns die Eigenheiten exponentiellen Wachstums näher gebracht. Dass unser mathematisches Verständnis wiederum unser Hygieneverhalten beeinflusst, behaupten nun Psychologen.

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          Unser Denken ist auf erschreckend vielen Ebenen defizitär: Immer wieder sehen wir uns mit Phänomenen und Prozessen konfrontiert, an deren anschaulicher Vorstellung wir kläglich scheitern. Das gilt nicht nur für quantenphysikalische Gegebenheiten, kosmische Singularitäten und vierdimensionale Raumzeiten, denen man prinzipiell auch aus dem Weg gehen kann. Es reicht bereits eine simple Exponentialfunktion, um uns gedanklich aus der Fassung zu bringen.

          Das ist durchaus erstaunlich, denn exponentielle Abläufe begegnen uns wirklich nicht selten, sei es bei der Populationsentwicklung heimischer Fruchtfliegen, der Wirkung von Zinseszins oder ungebremst wachsenden Infektionszahlen. Psychologen sind dem Problem schon länger auf der Spur. In den siebziger Jahren machten die Niederländer Han Timmers und Willem Wagenaar Experimente, in denen Studenten unter anderem Zahlensequenzen vervollständigen sollten, die sich exponentiell entwickelten. Dass die Folge, die den Jahren 1971 bis 1975 die Werte „3, 7, 20, 55, 148“ zuordnet, bereits 1980 den Wert 22026 annähme, stieß schon damals verbreitet auf Unglauben.

          Dass sich an diesem Vorstellungsdefizit seither wenig geändert hat, hatte man schon fast vermutet. Psychologen der Universitäten von Köln und Bremen haben sich nun am experimentellen Nachweis versucht. In den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften beschreiben sie, wie sie anhand der Online-Befragung amerikanischer Testpersonen in der zweiten Märzhälfte – als sich die Covid-19-Pandemie also noch in ihrer exponentiellen Anfangsphase befand – deren mathematisches Vorstellungvermögen testeten. Geschätzt werden sollte rückblickend die Entwicklung der Corona-Fallzahlen der je vergangenen fünf Tage.

          Resultat: Auch hier wurde das Wachstum unterschätzt, von Konservativen stärker als von Liberalen. Allerdings gelang es den Forschern, durch pädagogische Interventionen das Exponential-Verständnis der Teilnehmer zu verbessern – was interessanterweise gleichzeitig die Akzeptanz von Maßnahmen sozialer Distanzierung stärkte. Das Verständnis exponentieller Prozesse beeinflusse also durchaus politische Einstellungen, schließen die Wissenschaftler. Was das für uns im Alltag heißt, ist klar: Wann immer wir auf unserer nächsten Zugfahrt Mitreisenden begegnen, die Probleme mit der Einhaltung der Hygieneregeln haben, werden wir uns – in gebotenem Abstand – mit Zettel und Stift zu ihnen setzen und uns an etwas Mathe-Nachhilfe versuchen.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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