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Massenentlassung bei„El País“ : Kasino-Kapitalisten fressen Journalisten

149 Mitarbeiter der Redaktion von „El País“ sollen entlassen werden. Der Geschäftsführer Juan Luis Cebrián füllt sich die Taschen, heute beginnt der erste Streik Bild: Getty Images

„El País“ will ein Drittel der Redaktion entlassen, obwohl Spaniens größte Zeitung schwarze Zahlen schreibt. Der verschuldete Mutterkonzern will es so: Vom Niedergang einer Institution.

          7 Min.

          Inzwischen haben sie die Szene vom 6.Oktober schon oft geschildert, aber sie erzählen sie gern noch einmal: wie der Betriebsrat von „El País“, achtzehn Personen, in einen Saal zitiert wird, wo ihnen die Führungsriege der Zeitung gegenübersitzt. Zu ihr gehört als Erster Juan Luis Cebrián, der Präsident von „El País“ und Geschäftsführer des Mutterkonzerns Prisa, ferner Chefredakteur Javier Moreno, der ehemalige Deutschlandkorrespondent des Blattes.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Man sitzt nicht an einem großen Konferenztisch, das wäre zu egalitär; die Betriebsratsleute müssen zweireihig Platz nehmen. Man merkt sich solche Details, wenn das Datum wichtig ist. Und dieses wird zumindest für die eine Seite unauslöschlich bleiben. Es ist der Tag, da das Management von „El País“, Spaniens größter Tageszeitung, dem Betriebsrat mitteilt, dass ein Drittel der Redaktion entlassen wird. Wer seinen Arbeitsplatz behält, wird sich mit fünfzehn Prozent weniger Lohn begnügen müssen.

          Es ist nicht so, dass die Nachricht ganz überraschend käme. Seit dem April schwebte über der Zeitung die Drohung des „ERE“ (expediente de regulación de empleo), jenes arbeitsrechtlich genau festgelegten Prozesses, der Betriebe in Spanien berechtigt, Gehaltskürzungen und Massenentlassungen durchzuführen. Jetzt also ist es so weit. Nicht weniger als 149 Angestellte sollen gehen - Spaniens legendäre Tageszeitung, das Synonym für den Übergang zur Demokratie, das junge Blatt des Aufbruchs und der Modernität, steht vor dem härtesten Einschnitt ihrer sechsunddreißigjährigen Geschichte.

          Anspruch an Internationalität

          Bei der halbstündigen Begegnung fallen die üblichen Durchhalteformeln. „So gut können wir nicht mehr leben“, sagt Juan Luis Cebrián, von dem es heißt, er habe sich 2011 inklusive Bonuszahlungen dreizehn Millionen Euro Jahressalär gegönnt. Und natürlich fragen sich alle, die weniger verdienen als er: Wer ist „wir“? Auch der Chefredakteur meldet sich zu Wort. Der Einschnitt sei „schmerzhaft“, sagt Javier Moreno, doch er sei überzeugt, dass die Redaktion wie schon bei anderen Gelegenheiten „das Beste aus sich herausholen“ werde, damit „El País“ weltweit „das Leitmedium in spanischer Sprache“ bleibe.

          Das mit der Weltgeltung im Spanischen ist ein Tick. Früher einmal hieß „El País“ im Untertitel schlicht „unabhängige Morgenzeitung“, aber das ließ an universalem Anspruch wohl irgendwie zu wünschen übrig. Heute nennt sich das Blatt „die globale Zeitung in spanischer Sprache“.

          Global sind aber vor allem die Schulden des Mutterhauses Prisa, ohne dessen geschäftliches Desaster unter Cebriáns Leitung sich der geplante Kahlschlag bei „El País“ nicht verstehen lässt. Neben der Tageszeitung besitzt Spaniens größter Medienkonzern unter anderem die Verlagsgruppe Santillana, die Wirtschaftszeitung „Cinco Días“, das Sportblatt „as“, Fernsehbeteiligungen sowie Spaniens meistgehörten Radiosender Cadena SER. Viele von ihnen sind defizitär, während „El País“ seit dem vierten Jahr seines Bestehens ausschließlich Gewinne erzielt hat.

          Vor allem im Kabelfernsehgeschäft mit der Firma Sogecable (Kaufpreis zwei Milliarden Euro) und beim Erwerb von planetarisch teuren Fußballübertragungsrechten hat Prisa sich in den Jahren vor der Krise so übernommen, dass die Verbindlichkeiten zeitweise die Schwelle von fünf Milliarden Euro erreichten. Allein das vergangene Jahr schloss Prisa mit einem Verlust von 451 Millionen Euro ab. Wegen der akuten Schieflage, die alles andere mit sich zu reißen droht, ist seit 2010 die Liberty Acquisition Holding von Nicolas Berggruen und Martin Franklin Hauptaktionär von Prisa.

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