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Maskulinität in der Krise : Ja warum prügeln sie sich denn nicht?

Zahlreiche Menschen waren in der Silvesternacht auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz unterwegs. Bild: dpa

Zwei russische Schriftstellerinnen melden sich zu den Vorfällen in Köln zu Wort. In Russland, so ihr Urteil, wäre die Sache anders abgelaufen. Schuld seien die europäischen Männer.

          In der Silvesternacht seien in Köln nicht ein paar Frauen begrapscht worden, erklärt die furiose russische Publizistin Julia Latynina, sondern Angela Merkel, ja Europa selbst – um zu testen, wie weit man diesmal gehen könne. Und das keineswegs zum ersten Mal. Latynina, eine furchtlose Kritikerin des russischen Präsidenten Putin, aber auch dessen, was sie als westliche Zahnlosigkeit wahrnimmt, erinnert daran, dass schon im vorigen und im vorvorigen Jahr beim Stockholmer Musikfestival ein Migrantenmob Passantinnen sexuell belästigt, und die Polizei das nicht geahndet, sondern vertuscht habe. Für eine andere russische Amazone, die Schriftstellerin Maria Golowaniwskaja, vergegenwärtigen die Kölner Ereignisse vor allem eine Krise europäischer Männlichkeit.

          Unter den Opfern jener Nacht habe es anscheinend keine „zerschlagenen männlichen Physiognomien“ gegeben, stellt Golowaniwskaja fest. Die Bewohnerin eines Landes, wo man sich zivile Freiheiten täglich erkämpfen muss, findet das höchst verstörend. Offenbar hätte auf der Domplatte nicht nur die Polizei versagt, sondern auch die Begleiter der Belästigungsopfer hätten sich vor den Randalierern schnellstmöglich verkrochen, mutmaßt die ruppige Russin. Oder gehöre es vielleicht zum Sieg des Feminismus, dass die Frau für alles selbst zuständig ist, auch für die Abwehr von Vergewaltigern, fragt sie rhetorisch.

          Europäische Männer sind zu zahm

          Tatsächlich veranschaulichen die Nachrichten aus den russischen Neujahrsferien ein zum europäischen diametral entgegengesetztes Männerproblem. So kam in einem Moskauer Randgebiet ein Speznas-Elitepolizist bei dem heroischen – und erfolgreichen – Versuch, einen Hund vor einem heranfahrenden Zug zu retten, ums Leben. In Belgorod wiederum prügelte ein Arzt einen Patienten, der eine Krankenschwester belästigt haben soll, zu Tode. Russland, wo das Leben hart ist und Gesetze nicht befolgt werden, zieht seine eigenen Barbaren heran, weiß Golowaniwskaja. Im Unterschied zu Ländern mit humanistischer Ideologie, humanen Gesetzen, humanen Gefängnissen, die dafür fremde Barbaren anzögen wie Honig die Wespen.

          Im europäischen Menschenpark, dessen Bewohner stolz seien auf ihre über Jahrzehnte andressierte Beißhemmung, sei der Mann heute zahm und gut gepflegt, sogar der Staat habe seine männlichen, das heißt Gewaltfunktionen weitgehend abgelegt, lautet die Diagnose der Moskauerin. Über ihre ungehobelten Landsleute macht Golowaniwskaja sich unterdessen keine Illusionen. Russen seien kaum gefeit gegen tätliche Wutausbrüche zu Hause, weiß sie, doch die Kölner Übergriffe auf Frauen hätten sie mit einer wüsten Schlägerei beantwortet; ohne Opfer unter den Angreifern wäre das nicht abgegangen.

          Dem brutalen „Kavalier“ aus dem Krankenhaus von Belgorod wünschen die Nutzer russischer sozialer Netzwerke jetzt reumütige Stärke für seine bevorstehende Gefängnisstrafe, sie loben jedoch auch, dass er sich für eine Frau geschlagen habe. Hausgemachte Barbaren hätten für die Bewohner einer Kultur den Vorteil, dass sie nachvollziehen könnten, was in ihnen vorginge, gibt Golowaniwskaja zu bedenken. Ein von außen gekommener Barbar hingegen bleibe unberechenbar und besitze dadurch einen Manövervorteil.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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