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Masern-Ausbruch in Berlin : Debatten in der Krabbelgruppe

  • -Aktualisiert am

Schon Babys ab einem halben Jahr können gegen Masern geimpft werden – wenn sie ansonsten gesund sind. Bild: ddp

Die Nachricht, dass ein 18 Monate alter Junge an Masern gestorben ist, hat die Eltern in Berlin aufgewühlt. In Krabbelgruppen und Cafés stellen sie sich die eine große Frage: Was schadet den Kindern am wenigsten?

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          Wenn die Neurowissenschaftlerin ihren Sohn zur Schule bringt, muss sie an diesem Zettel vorbei. Erst die Kinderkunst am Eingang einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Prenzlauer Berg. Auf der Glastür dahinter dann Druckbuchstaben mit der Unterschrift der Schulleitung. Es ist nur ein einziger Satz. Aber er reicht, dass sie ein mulmiges Gefühl beschleicht: „Liebe Eltern, in unserer Einrichtung sind Masern aufgetreten.“

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Neurowissenschaftlerin weiß, dass die Klasse ihres Sohnes betroffen ist. Vor knapp zwei Wochen kam die Mail mit einem Anhang des Gesundheitsamtes Pankow: Ansteckungswege, Inkubationszeit, Symptome, Vorsorge. Und die Botschaft: „Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit.“ Nicht, dass sich die Mutter jetzt Sorgen um ihren Zweitklässler machen würde; der Große ist geimpft. Aber dem zwei Jahre alten Bruder fehlt für einen vollständigen Schutz die zweite Spritze.

          Die Frage nach dem geringeren Risiko

          Sein Fall ist typisch für Kinder heute: Der Junge kam mit einem Jahr in die Kita, ein Infekt folgte dem anderen. Eigentlich wollte die Neurowissenschaftlerin auf den Frühling warten, auf das Ende der Grippewelle und wärmere Tage, um dann mit gutem Gewissen zu impfen. Jetzt hat sie einen Termin bei der Kinderärztin vereinbart, obwohl ihr Sohn schon wieder erkältet ist. „Man kommt echt in eine schwierige Lage“, sagt sie. Sollte man angesichts des aktuellen Masern-Ausbruchs auch Kinder impfen, deren Gesundheitszustand normalerweise gegen eine Immunisierung sprechen würde? Sie fragt sich: „Womit schade ich meinem Kind mehr?“

          In der Nähe des Helmholtzplatzes schlendern zwei Mütter mit Kinderwagen an einem Kiosk vorbei. Hinter einem Klapptisch mit Tulpen und Primeln prangt auf den Titelseiten der Boulevardzeitungen ein gelbes Virus, groß wie ein Tennisball: „Masernschock!“ Die Nachricht vom Montag, dass ein 18 Monate alter Junge an dem Virus gestorben ist, hat die Eltern in der Hauptstadt aufgewühlt. Elena G. und ihre Freundin haben den Vormittag in einem Spiel-Café verbracht, gleich werden sie die älteren Geschwister aus dem Kindergarten abholen. Aber vorher schimpft die Assistenzärztin: „Ich finde das nicht verantwortlich, wenn man nicht impft.“ Mögliche Komplikationen der Masern seien auf jeden Fall gefährlicher als etwaige Nebenwirkungen der Impfung. Ihre Freundin will sich jetzt selbst impfen lassen.

          Risiko für Schwangere und Kleinkinder

          Jette B. hat am Montag sofort eine Diskussion in der Krabbelgruppe ihres Sohnes losgetreten. Die junge Mutter – Brille, Turnschuhe, das acht Monate alte Kleinkind dick vermummt vor den Bauch geschnallt – steht auf dem kleinen Spielplatz an der Gethsemanekirche. „Jede Mutter handelt aus Liebe“, sagt sie und signalisiert damit durchaus ein gewisses Verständnis für die Ängste der Impfgegner, die ihren Babys eine „Donnerspritze“ ersparen wollten. Aber: „Ich kann das Risiko für mein Kind übernehmen. Aber ich kann nicht das Risiko für Schwangere oder Kleinkinder übernehmen, die noch nicht geimpft werden dürfen.“ Sie erzählt, dass sich eine der Mütter in der Krabbelgruppe als Impfgegnerin entpuppt habe. Trotzdem habe man sachlich und respektvoll argumentiert. Noch sei die Krankheit aber auch weit weg, sagt Jette B. Sie blickt ihre Freundin an, die gerade ein Hipp-Gläschen im Kinderwagen verstaut: „Wie würdest du reagieren, wenn sich unsere Kleinen anstecken würden?“

          Der Vierunddreißigjährigen ist das passiert. Zuerst steckte sich ihr knapp achtjähriger Sohn bei einer Nachbarin an. Dann die Tochter, 13 Monate alt. Am Ende ihr Mann und sie selbst. Drei Wochen Quarantäne für die ganze Familie, vor jedem Kinderarztbesuch wurde die ganze Praxis evakuiert. Zum Glück habe es die Kinder nur glimpflich erwischt, leichtes Fieber, Kopfschmerzen und schlechte Laune, sagt die Vierunddreißigjährige. Sie selbst habe sich drei Tage „halb tot“ gefühlt. „Gott sei Dank waren Schulferien.“ So habe ihr Sohn niemanden anstecken können. Man merkt, dass sie meint, sich verteidigen zu müssen: „Wir sind keine Idioten.“ Ihre Kinder seien durchaus geimpft, Tetanus, Polio, Keuchhusten. Aber ihre Schwiegermutter sei Homöopathin und habe sehr vor den Impfstoffen gegen Mumps und Röteln gewarnt, ohne die der Masernschutz nicht zu haben gewesen sei: „Wir wollten entscheiden, was ein Kind wirklich braucht.“ Ihr Sohn geht seit Montag wieder zur Schule. Trotzdem plädiert die Vierunddreißigjährige heute für die Impfung: „Nicht wegen meines Kindes. Mein Kind überlebt das. Aber andere Kinder vielleicht nicht.“

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