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Martin Walser zu Köhlers Abschied : Der Große Legendenstreich

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Pathetische Nachtszene: Horst Köhler, umrahmt von Jens Böhrnsen und Karl Theodor zu Guttenberg beim Großen Zapfenstreich Bild: dpa

In die feierliche Verabschiedung von Horst Köhler dringt kein Vorwurf mehr. Es bleibt der Eindruck von Flucht und Rätselhaftigkeit. Der Schriftsteller Martin Walser über einen Bundespräsidenten, der ihm wie kein zweiter fehlen wird.

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          Wir erfuhren, weil Horst Köhler einen so guten Kontakt zum Wachbataillon hatte, habe die Truppe sich zum Abschied den Großen Zapfenstreich gewünscht. Horst Köhler habe gesagt, er werde sich freuen. Also kriegen wir im Fernsehen eine Stunde lang live das militärmusikgrundierte Fackelspektakel vor dem Schloss Bellevue mit. Vom kommentierenden Ulrich Deppendorf erfahren wir: 350 Soldaten, 70 Musiker, mehr als 200 Gäste. Unter den Gästen die Bundeskanzlerin und ihr Mann. Auf dem Podest steht dann neben Horst Köhler Karl-Theodor zu Guttenberg.

          Also das Marschieren, Kommandieren, Militärmusizieren. Horst Köhler immer wieder groß im Bild. Bevor das Ganze begann, sahen wir noch einmal Köhlers Zwei-Minuten-Rücktritts-Auftritt: Was ihm vorgeworfen worden sei, entbehre jeder Rechtfertigung und lasse den Respekt vor seinem Amt vermissen. Basta. Obwohl wir diese lakonische Genauigkeit seit zwei Wochen im Ohr haben, machte der Kommentator aus dem Zapfenstreich einen Legendenstreich. Vor fünfzehn Tagen, sagte er, sei Horst Köhler vor die Journalisten getreten, um seinen Rücktritt bekanntzugeben. Gerätselt werde bis heute, warum. So wirke sein Rücktritt wie eine Flucht. Später fiel der Satz: Die Flucht des beliebten Präsidenten aus seinem Amt habe die Bürger erschüttert. Er hinterlasse die Frage: Warum?

          Noch immer rätseln alle über diesen Rücktritt

          Ganz zum Schluss, nach den Märschen und nach dem „Saint Louis Blues“, den sich Köhler gewünscht habe, und nach dem Choral, der uns die Macht der Liebe anbeten lässt, und nach der Nationalhymne, die Köhler mitgesungen hat, nach dem ganzen durchaus rührenden Zeremoniell, der Kommentator: Noch immer rätseln alle über diesen Rücktritt.

          Ich hatte am Anfang gefürchtet, diese Art Militärballett könne trotz der Bellevue-Prachtkulisse eher langweilig werden - der Kommentator lieferte das Gewürz.

          Ein Präsident sagt klipp und klar, warum er zurücktritt. In den Medien wird produziert, der Rücktritt sei eine Überreaktion. Horst Köhler sei eben doch ein Quereinsteiger. Das stimmt. Normalerweise lassen sich Politiker die Unterstellungsroutine gefallen, machen möglichst gute Miene zu jedem hämischen Spiel. Diesmal hat das nicht funktioniert. Der geht einfach. Aber das ist eben sein unprofessionelles Verhalten. Der erlaubt sich Empfindlichkeit. So haben sie das bisher zurechtgestrickt. Jetzt aber in der pathetischen Nachtszene: kein Vorwurf mehr, dafür Flucht und Rätselhaftigkeit.

          Vielleicht ist Horst Köhler für diesen Hickhackbetrieb einfach zu fein

          Horst Köhlers Miene in den Großaufnahmen war deutlich genug. Beim Blues amüsiert, beim Choral ergriffen, bei der Hymne tapfer. So sieht keiner aus, der flieht und sich zum Rätsel stilisieren will. So sieht einer aus, der denen, die das öffentliche Wort verwalten, ein Beispiel geben will. Das Beispiel kommt nicht an. Der letzte Satz des Kommentars: Viele warten auf eine Erklärung. Und Tom Buhrow, sonst ein Virtuose der Besonnenheit, strickt die Legende in den „Tagesthemen“ gleich weiter: Vielleicht finde sich in der von Köhler für das Abendspiel ausgesuchten Musik ein Hinweis zur Lösung dieses Zwei-Wochen-Rätsels.

          Von den Medien Selbstaufklärung zu erwarten ist, wie das Sprichwort sagt, so aussichtsreich, wie Ziegeln die Röte abzuwaschen. Aber vielleicht stimmt ja alles, und Horst Köhler ist für diesen Hickhackbetrieb tatsächlich nicht simpel genug, also einfach zu fein. Was das für diesen unseren Betrieb bedeutet, ist leider kein Rätsel.

          So. Jetzt habe ich mich wie ein richtiger Medien-Mensch benommen, nämlich kritisch. Und warum? Weil mir dieser Bundespräsident fehlen wird, wie mir noch nie ein Bundespräsident gefehlt hat. Ich bitte die Soldaten, Horst Köhler einmal im Jahr so eine stimmungsreiche Schau zu widmen, dass er uns wenigstens so erhalten bleibt.

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