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Martin Walser in Amerika : Der Meister des Selbstgesprächs

  • -Aktualisiert am

Erinnerungsgelände nennt der Schriftsteller Neuengland, wohin er seit einem Studienaufenthalt im Sommer 1958 immer wieder reist: Martin Walser diese Woche am Center for European Studies in Harvard. Bild: Detlef Gericke-Schönhagen

Von Chicago nach Boston: Martin Walser liest, spricht große Sätze in den Vereinigten Staaten und erklärt seinem Lieblingsland, warum Rechtfertigung nicht in Rechthaberei enden darf.

          Goethe, das ist für ihn ein Bekenntnis. Lebenslänglich. Darum hat er sich auch nach Chicago locken lassen, wo „Metamorphoses: Goethe and Change“ auf dem Programm stand. Ein breitgefächertes Symposion, veranstaltet von der Goethe Society of North America. Einen alten Aufsatz hat er dort vorgetragen, „Goethes Anziehungskraft“, 1982 erschienen. Martin Walser hat Chicago sehr genossen, nein, bestürzt war er, wie er schwärmt, über die Schönheit der Stadt. Sogar das Hotel, in dem er untergebracht war, sei derart vollkommen gewesen, dass es ans Lyrische grenzte. Dann war da seine Ernennung zum Ehrenmitglied der Goethe Society, auf Englisch auch noch, weshalb er sie beinahe verpasst hätte.

          Jetzt aber ist er in Boston. Geliebtes „Erinnerungsgelände“, weil er immer wieder gern nach Neuengland kam, seit er 1958 bei Henry Kissinger an der International Summer School ein paar unvergessliche Sommermonate in Harvard verbrachte, die Säulen der Widener Library streichelte und spürte: „Jetzt bin ich in der Welt.“ Über Amerika wird ihm kein kritisches Wort über die Lippen kommen. „Für meine Generation war die Amerikareise wie früher die Italienreise.“ Von seinen vielen Amerikareisen und -aufenthalten zehre er bis heute.

          Der Indian summer mit seinem makellos blauen Himmel ist ihm von Chicago nach Boston gefolgt, die Erkältung, gegen die nur ein Whiskey hilft, hat er mitgebracht. Goethe ist in Chicago geblieben. In Boston geht es nun drei Tage lang um Martin Walser, allerdings unter der Obhut auch des örtlichen Goethe-Instituts. Angekündigt als „einer der provokantesten deutschen Schriftsteller“, hat er ein großes, gewichtiges Geschenk im Koffer. Erst am Ende seines Besuchs packt er es aus. Am 9.November. Erstaunlich, doch damit nicht genug. „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ lautet auch noch der Titel der neuen, über jeden praktischen Anlass und jedes historische Datum weit hinausschweifenden Rede. „Jeder hat gedacht, da arbeite ich die ganze Chose ab“, sagt er am Tag zuvor. Die Chose, das ist das Kontroversenbündel, das von seiner Paulskirchenrede 1998 bis zum Jahrestag der Novemberpogrome, der Novemberrevolution und des Mauerfalls reicht. Ein Schicksalstag der Deutschen, so die gängige Formel. Aber Walser bleibt Walser und damit unberechenbar: „Da ist eine Hoffnung drin, die sich nicht erfüllen muss.“

          Die John F. Kennedy School of Government, Harvards Schmiede der politischen Elite des Landes, ist für die Rede auserwählt. Das Publikum besteht nicht zuletzt aus Stipendiaten des McCloy Academic Scholarship Program, das die deutsche Studienstiftung finanziert. Walser hätte nichts dagegen, wenn mehr Amerikaner als Deutsche kämen. Schon weil Amerika ein religiöses Land ist und die Religion, nicht die Kirche, Walsers Denken immer stärker prägt. „Ich lese Religion als Literatur“, heißt es in der Rede. Und: „Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei.“ An der Brandeis University, wo er am Tag zuvor Gast ist, scheint der deutschsprachige Teil des Publikums die Oberhand zu haben, aber Religion stellt er an der Hochschule, deren Studierende überwiegend jüdischer Herkunft, vielleicht auch jüdischen Glaubens sind, direkt nicht zur Debatte.

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