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Martin Schulz in Israel : Der inszenierte Eklat

  • -Aktualisiert am

Vor der Knesset: Martin Schulz im israelischen Parlament Bild: dpa

Der EU-Parlamentspräsident spricht in der Knesset offen das Thema Wasserverteilung an. Einige Abgeordnete lauern nur darauf, einen Skandal zu inszenieren.

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          Das Alhambra Palace in Ramallah hört sich nach mehr an, als es ist. An der Wand des Tagungsraums dieses Hotels der unteren Mittelklasse hängt ein goldgerahmtes Ölgemälde im bekannten Hotellobbystil, es zeigt eine Flusslandschaft mit hängenden Bäumen in Ölkitsch. Als Martin Schulz am vergangenen Montag dort während eines Gesprächs mit palästinensischen Bürgern, die sich in Vereinen und Verbänden zum Schutz der Menschen- und Bürgerrechte engagieren, einmal eine Pause von dem ganzen Wahnsinn brauchte, lenkte er die Aufmerksamkeit der Runde auf dieses Bild.

          Der Politiker aus Europa als Kummerkasten

          Eben noch hatte ein Rechtsanwalt von Folter und Scheinhinrichtungen berichtet, dann ging es um Zwangsräumungen, der Horror nahm kein Ende. Schulz ergriff das Wort und sagte, dieses Bild dort könnte eine Ecke nur zehn Minuten von seinem Wohnort zeigen, ob es sich wohl um einen europäischen, vielleicht niederländischen Maler handele?  Was hatte er nicht gesagt! Statt abzulenken zu den vertrauensstiftenden Themenbereichen der Herkunft, der Naturbetrachtung und der Kunst, hatte er, ohne es zu ahnen eines der brisantesten Probleme angeführt, die Wasserversorgung. „Dieses Bild zeigt den Jordan, den Jordan von früher!“ tönte Mustafa Bargouti. „So sah es hier aus, bevor die Israelis das Wasser umgeleitet haben, bevor sie uns das Wasser geklaut haben!“ Es gibt in Israel keine heikleren Themen als die ganz simplen, die, die von dem handeln, was jeder braucht und möchte: Sicherheit, Respekt, eine Wohnung und eben Wasser. Wasser ist das ideale Medium.

          Die perfektionierten und hochmodernen Propagandisten beider Seiten haben das Wasser und die Natur für sich entdeckt, um so ihre Botschaften für eine des Konflikts müden Öffentlichkeit aufzufrischen. Junge Palästinenser beschwerten sich darüber, dass ihnen weniger Wasser zustehe als den Siedlern oder anderen Israelis. Ob er, Schulz, dazu nicht etwas sagen könne? Sie behaupteten auch, die Green Teams der Israelis, die sich um den Erhalt der Umwelt kümmern, würden die umherziehenden Hirten mit ihren Vorschriften unterdrücken. Und weil die Israelis zwar die Nachbarn sind und mächtig, es aber für Palästinenser keine verlässlichen behördlichen Beschwerde- oder wenigstens Kommunikationskanäle gibt, werden europäische Besucher auf ihren Reisen schon mal als Kummerkasten benutzt.

          Zwischenrufe von den hinteren Reihen

          Martin Schulz sammelte diese Informationen, ohne sie sich zu eigen zu machen, ohne etwas zu versprechen. So kam die Wasserfrage auch in seine Knessetrede. Man hatte ihn zuvor gebeten, alle möglichen Botschaften dort zu deponieren, auch linke Knessetabgeordnete hatten ihre Wünsche angemeldet. Die Rede sollte völlig übersteigerte Erwartungen erfüllen und irgendwie für entscheidende Bewegung sorgen, wo doch nur die Bürger, die Politiker vor Ort das selbst über Jahrzehnte gesponnene Knäuel der Probleme auffädeln können.

          Schulz wählte einen persönlichen, einen ehrlichen Mittelweg und verschwieg nicht, dass die Abgeordneten selbst sich ihrer Verantwortung zu stellen haben. Die waren aber längst vor seinem Erscheinen im Plenarsaal auf Hochtouren. Abgeordnete der Rechten hatten sich mit Kollegen gezofft, die Streitlust war geweckt. Als Schulz mit seiner Rede begann, waren Mimik und Körpersprache von drei oder vier Abgeordneten der hinteren Bänke eindeutig. Man wartete auf irgendein Stichwort zum Skandal. Das Wasser brachte dann das Fass zum Überlaufen. Schulz erzählte, was ihm der junge Palästinenser berichtet hatte, wohlgemerkt ohne es als Tatsache zu behaupten. „Lüge! Lüge!“ rief eine Abgeordnete dazwischen, setzte sich kurz, um dann, als der Redner die Zwei-Staaten-Lösung zitierte, in absehbarer Empörung den Raum zu verlassen, zwei oder drei Kollegen folgten ihr.

          Einige Augenblicke später kam sie wieder, um einen Abgeordneten am Ärmel zu zupfen, der sitzen geblieben war, von dem sie aber fand, er müsse jetzt auch empört ausziehen. Der Mann blieb aber lieber bei seinem iPhone. Schulz beendete seine Rede unter großem Applaus der Sozialisten und einiger liberaler Abgeordneter, Netanjahu blieb sitzen und gab sich blasiert. Tagelang hatte er ein Drama darum veranstaltet, ob er den Präsidenten des Europäischen Parlamentes überhaupt empfangen würde, um es dann, absehbarerweise doch zu tun.

          Beim Hinausgehen waren die israelischen Journalisten und Mitarbeiter der Knesset erstaunt über unser Staunen. Eklat in der Knesset – das ist schließlich  für jeden politisch interessierten Deutschen die Kreuzworträtsellösung  für: diplomatischer GAU in drei Worten. Die Gastgeber verstanden die Aufregung nicht:  „Das machen die doch immer so“ belehrten sie uns, maximal gelangweilt. Standing Ovations von der einen Seite, Verwünschungen von den anderen, es war wohl ein ganz normaler Tag in der Knesset.

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