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Martin Parr in Düsseldorf : Ein Bild von einem Garten

Zwischen Dahlien: Der Garten des Ehepaars Opitz. Bild: Andrea Diener

Das NRW-Forum in Düsseldorf plant eine Retrospektive des Fotografen Martin Parr. Deshalb läuft der Brite durch deutsche Schrebergärten – und taucht ein in liebevoll verteidigte Idyllen.

          Reiner Blankenheim geht voraus, er ist der Vorsitzende des Kleingartenvereins Am Schwarzen Weg in Düsseldorf und öffnet das Tor, als sei er hier zu Hause. Ihm folgt Kurator Ralph Goertz und ihm wiederum ein großgewachsener, freundlich lächelnder älterer Herr. „Wir machen ein Kunstprojekt“, bereitet Blankenheim vorsichtig vor. „Das hier ist der berühmteste Fotograf Englands“, setzt Goertz nach, und der ältere Herr lächelt noch freundlicher. Und da stehen nun die Herrschaften Opitz aus Sachsen mit ihrem kleinen schwarzweißen Hund im gepflegten Garten zwischen Knoblauchbeet und Dahlienpracht, entschuldigen sich dafür, gerade eben die Buchshecke umgemacht zu haben, und wissen noch nicht so recht, was sie mit der Kunst und dem berühmtesten Fotografen Englands zu tun haben sollen.

          Der Hund soll auch hergucken: Garten Opitz in all seiner Pracht plus Besitzer.

          Also fängt man besser ganz von vorn an. Im NRWForum in Düsseldorf soll im nächsten Jahr zwischen Juli und November eine große Retrospektive der Arbeit Martin Parrs gezeigt werden. Als Chronist britischer Seltsamkeiten und touristischer Umtriebe ist Parr weltberühmt, als Sammler von Fotobüchern und seltsamen Dingen, als Fotograf, dem es nicht zu peinlich ist, sich in Porträtstudios in aller Welt ablichten zu lassen und daraus einen Bildband zu machen. Parr wurde, nach ein paar längeren Diskussionen, im Jahr 1994 in die Agentur Magnum aufgenommen und gilt als vermutlich humorvollster Vertreter des gegenwärtigen Fotojournalismus. „We are a funny bunch“, sagt er, wir Menschen sind nun einmal ein lustiger Haufen, da kommt man um den Humor gar nicht herum, wenn man Menschen abbilden möchte.

          Eine tiefe Liebe zum Kitsch

          Wenn man sie durch Parrs Augen betrachtet, ist die Welt ein bunter Ort, und ihre Einwohner bilden einen seltsamen Stamm, zu dem man sich nicht auf Anhieb zugehörig fühlt. Sie kleiden sich schrill, gehen in großen Gruppen an eigentümliche Orte, essen komisches Zeug und benehmen sich merkwürdig. Meistens scheinen sie nicht einmal besonders großen Spaß dabei zu haben. Aber doch, es sind Menschen, und wir sind wie sie. Das ist beste Satire und beste Dokumentarfotografie gleichzeitig, denn der 1952 in der Grafschaft Surrey geborene Parr schreckt nicht vor Klischees zurück, im Gegenteil, er sucht sie und verzerrt sie ins Monströse. Außerdem hegt er eine tiefe Liebe zum Kitsch, zu unappetitlichen Speisen und fragwürdiger Kleiderwahl.

          Mit Oma und Rasenmäher: Bei Familie Bartelmös sollen alle und soll alles mit aufs Bild.

          Bekannt wurde er 1986 mit „The Last Resort“, einem Buch, in dem er das Strandleben im britischen New Brighton zeigte, einem günstigen, wenig mondänen Seebad, das seine besseren Zeiten weit hinter sich gelassen hat. Körper aller Formen in Bikinis, Frisuren mit viel Haarspray, gelangweilte Teenager und die Müllberge, die der Amüsierbetrieb hinterlässt, blitzte er an, als wolle er sie noch am helllichten Tag bis in jeden Winkel schonungslos ausleuchten. Es folgten Projekte wie „Think of England“ über die Eigenheiten der Briten, „Small World“ über Tourismus und „Life’s a Beach“ – denn immer wieder kehrt Parr an Badeorte zurück. Ihn interessiert, was Menschen in ihrer Freizeit tun, oder auch: was sie sich in ihrer Freizeit antun, denn nicht selten ist diese durchgeplant, wird im Rudel verbracht und besteht aus wenig mehr als einer Abfolge von Konsumentscheidungen. So lustig, dämmert einem irgendwann, sind diese Fotos nämlich gar nicht.

          Sanft vorbereitende Gespräche an der Hecke: Reiner Blankenheim (rechts), der Vorsitzende des Kleingartenvereins.

          Martin Parrs Ruhm strahlt also weit, aber bis in die Parzellen des Kleingartenvereins Am Schwarzen Weg strahlt er dann doch nicht. Allerdings strahlt der Ruhm des deutschen Kleingartenwesens bis nach England, weshalb Parr selbst auf die Idee gekommen ist, in Vorbereitung der Düsseldorfer Ausstellung dieses Projekt mit dem sprechenden Titel „Kleingärtner“ anzugehen. Also klemmte sich Kurator Ralph Goertz ans Telefon und rief die lokalen Vereinsvorsitzenden an.

          Es ist schließlich Erntezeit

          Reiner Blankenheim und seine Kollegen warben bei ihren Mitgliedern für das Projekt, und viele Gärtner machten mit. Und so stehen sie nun da, das Ehepaar Opitz mitsamt kleinem Hund in ihren prächtigen Dahlien, das Ehepaar Pickel und Servas in ihrer Laube, in der Parr noch ein paar Detailaufnahmen macht von Handschuhen und Wäscheklammern und trocknenden Knoblauchzehen. Anderswo interessieren ihn die Äpfel, die sanft in den grünen Rasen gebettet daliegen. Die indische Familie ist heute nicht da, schade. Weiter zu einem netten Herrn aus Iran, der sich spontan bereit erklärt, zwischen seinen prächtigen bunten Tomaten zu posieren, noch eine Runde Kaffee ausgibt und von seinen Enkeln erzählt.

          Er sucht und findet Klischees: Martin Parr vor Bildern seiner Serie „The Last Resort“ von 1986.

          Etwa neunzig Parzellen werden besucht, ein bis zwei Einstellungen fotografiert, Namen und Kontaktdaten notiert, danke, Einladung folgt. Und nur sehr selten können Fotograf, Kurator und Vereinsvorsitzender wieder von dannen ziehen, ohne mit Tomaten, Gurken und Äpfeln beladen zu werden. Es ist schließlich Erntezeit.

          Ganz so grell wie in „The Last Resort“ geht es in den Düsseldorfer Kleingärten nicht zu und auf Martin Parrs Fotos auch nicht, vielmehr ziemlich liebevoll. Die Gärtner sehen aus, wie Gärtner an einem warmen Tag eben aussehen, sie tragen Unterhemden, Shorts und Sandalen, sie halten Harken und Eimer und Gartenscheren. Bei Herrn Bartelmös und seiner Familie muss der Rasenmäher mit aufs Bild und die Oma im Rollstuhl auch. Alle stellen sich hin, wie es Parr von ihnen verlangt, für das Kunstprojekt und das Buch, das daraus entstehen und die Retrospektive begleiten soll. „Danke“, sagt der berühmte englische Fotograf, viel weiter reicht sein Deutsch nicht, er lächelt freundlich und bekommt noch ein Körbchen mit Trauben in die Hand gedrückt.

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