https://www.faz.net/-gqz-9ls3b

Kritik an Papst-Vergleich : Fixiert auf den Mann in Weiß

Zu Recht in der Kritik? Schriftsteller Martin Mosebach Bild: Andreas Müller

Der Büchner-Preisträger Martin Mosebach hat etwas über päpstliche Masseninszenierungen und totalitäre Sprache gesagt, und die Empörung ist groß. Aber die Schäbigkeit der Kritiker beweist ihre Verblendung.

          Empörung über Martin Mosebach. „Büchner-Preisträger vergleicht Papst-Auftritte mit totalitären Diktaturen.“ Mit dieser Pressemitteilung bewarb die „Herder-Korrespondenz“ ein Sonderheft über den „Mythos Vatikan“. Am Anfang steht ein Streitgespräch zwischen dem Autor der „Häresie der Formlosigkeit“ und Thomas Sternberg, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Die Katholische Nachrichten-Agentur beeilte sich, die markierte Stelle zu verbreiten. Der alte päpstliche Hof mit Baldachin und Pfauenfedern, so Mosebach, sei „rührend in seiner Gestrigkeit“ gewesen.

          „Die starken Männer der Moderne, ein Stalin, ein Hitler, haben ganz andere Stilmittel gebraucht, um sich ins rechte Licht zu setzen, und so hält es auch der heutige Papst. Ein Fußballstadion, wo Zigtausende auf eine einzelne weiße Gestalt in der Mitte ausgerichtet sind, das ist eine viel totalitärere Sprache als das umständliche, verstaubte Hofzeremoniell von einst.“ Wer diesen Vergleich als Beleidigung der franziskanischen Antimajestät zurückweist, verschließt die Augen davor, dass Mosebach sich zu einem intensiv erforschten Thema der neuesten Kirchengeschichte äußert – in Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Forschung.

          Pius machte Mussolini symbolisch Konkurrenz

          Aus dem Zusammenhang des Interviews geht hervor, dass Mosebach eine Entwicklung kritisiert, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann: „Im zwanzigsten Jahrhundert hat sich unter dem Einfluss der Massenmedien dieser Kult um den einsamen Mann in Weiß herausgebildet, der als Pastor Angelicus über der Menge leuchtet.“ Mosebach spielt auf Pius XII. an: „Pastor Angelicus“ ist der Titel eines Propagandafilms, der 1942 in amtlichem Auftrag hergestellt wurde. Luigi Gedda, der Stratege der päpstlichen Filmpolitik, charakterisierte den Film als eine „große päpstliche Audienz mit der Weltöffentlichkeit, welche von den beiden Armen von Berninis Kolonnaden zu den 100.000 Räumen reichte, in denen er gesehen wurde“.

          Pius machte Mussolini symbolisch Konkurrenz. Die Öffentlichkeitsarbeit der Kurie hatte es in den Worten des Historikers Oliver Logan auf „die Dramatisierung der Begegnung des Pontifex mit den Massen“ abgesehen. Pius pflegte einen denkbar hohen Begriff von seinem Amt. Aber, so schrieb Federico Ruozzi 2017 im „Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte“, gerade „das komplexe Verhältnis zwischen der Einsamkeit und der hieratischen Natur Pius’ XII. auf der einen Seite und der Menschenmasse auf dem Petersplatz auf der anderen Seite“ brachte „den Mythos des perfekten modernen Papstes“ hervor. Nüchtern stellt Mosebach fest: „Der Papst als charismatischer Führer widerspricht aber der katholischen Tradition.“ Die Masseninszenierungen der Engelpäpste sind die Schauseite einer Überdehnung der Vollmachten des Papsttums, die das Ergebnis des Ersten Vatikanums war.

          Thomas Schüller, Professor für Kirchenrecht in Münster, twitterte, Mosebach sei „einer der übelsten reaktionären Brunnenvergifter“. Nur eines der übelsten Schimpfwörter aus dem Lexikon des Glaubenshasses war böse genug. Franziskus kann deshalb eine Reformation verheißen, weil er wie ein absoluter Monarch regiert. Die Schäbigkeit von Mosebachs Kritikern beweist ihre Verblendung: Sie sind fixiert auf den Mann in Weiß.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Torwartwechsel: Manuel Neuer (l.) verteidigt seine Position gegenüber Marc-Andre ter Stegen

          Ter Stegen gegen Neuer : Zeit für einen Torwartwechsel?

          Keine Position im Fußball wird so gerne diskutiert wie die zwischen den Pfosten. Nur wenige Torhüter haben den Nummer-1-Status in der Nationalmannschaft konservieren können – und es ins kollektive Gedächtnis geschafft.
          Michael Jürgs starb im Juli mit 74 Jahren

          Michael Jürgs’ letztes Buch : Wer tot ist, muss sehen, wo er bleibt

          Eine Seele wirft keinen Schatten: Der Journalist Michael Jürgs hat zwei Wochen vor seinem Ableben sein letztes Buch beendet. In „Post mortem“ surft er durchs Jenseits und trifft dort höchst lebendige Tote.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.