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Roman „Westend“ : Echter Erfolg kann warten

Martin Mosebach Bild: Frank Röth

Als Martin Mosebachs Roman „Westend“ im Jahr 1992 erschien, lag er wie Blei in den Regalen und wurde von der Kritik als „altfränkisch“ geschmäht. Heute sieht das ganz anders aus.

          Wäre man bei einer Verkostung von Bordeaux-Weinen gewesen, hätte man wahrscheinlich zu hören bekommen: 1992, ein unbeständiger Jahrgang, zu viel Regen, aber er hatte doch elegante Einzelgänger. Man war aber bei der Auftaktveranstaltung des Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“ (Branchenkürzel: Fleb), die wie gewohnt in der so gut wie ausverkauften Deutschen Nationalbibliothek stattfand. Im zehnten Durchgang hat es nun geklappt, und mit Martin Mosebach steht eines der raren Exemplare von Schriftsteller für zwei Wochen im Rampenlicht, der als 1951 in Frankfurt Geborener immer wieder über seine Stadt geschrieben hat und weiter schreibt, nicht nur mit „Westend“ optimal lokal verankert. Der Roman, sein dritter, ist in jenem fernen Jahr 1992 erschienen, ein Gesellschaftspanorama des Stadtteils, die Handlung angesiedelt in den fünfziger und sechziger Jahren.

          Mehr als sechs Jahre hatte Mosebach daran gearbeitet. Mehrere geplante Veröffentlichungstermine verstrichen, am Ende gab es noch Streit um den Titel. Der Verlag Hoffmann und Campe bestand auf „Westend“, bis der Autor nachgab. Als das Buch endlich vorlag, mehr als achthundert Seiten dick und damit schon in Umfangsreichweite eines großen Stilvorbilds Mosebachs – Heimito von Doderer –, lag es nicht nur im Buchhandel wie Blei, auch in den Redaktionen stieß es auf wenig Gegenliebe. Mosebachs heutiger Verleger, Rowohlt-Chef Florian Illies, sprach bei der Eröffnung davon, das Buch sei damals „quasi echolos verhallt“. In der F.A.Z. hatte Claus-Ulrich Bielefeld kritisiert, Mosebach erzähle „maßlos und ausufernd“, sein Ton sei nicht altmeisterlich, sondern „altfränkisch“. Und heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert? Große Bücher können warten, befand Illies, bis die Leser reif für sie seien.

          Er räumte ein, auch er habe das Buch erst jetzt gelesen. Wie viele andere habe er damals, kurz nach dem Mauerfall, auf den Hauptstadtroman gewartet. Die Lesung kam vom Podium, auf dem wie bei einer Bilanzpressekonferenz acht Vorleserinnen und Vorleser saßen, die jüngste am Gymnasium, der älteste jenseits der achtzig, dazwischen eine Olympiasiegerin im Dressurreiten und ein äthiopischer Prinz. Sie gaben den vielen Stimmen im Roman die ihrige, und durften sich vom Schriftsteller dann mit milder Ironie sagen lassen, er sei sich wie vor einem Schöffengericht vorgekommen: „Bestreiten Sie etwa, das geschrieben zu haben?“ Er sei nicht der erste Verbrecher, der nicht verstünde, was er damals getan habe. Damals, ein feiner Schmerz. Als ein Autor habe er gegolten, mit dem zu beschäftigen sich nicht mehr lohne. Für seinen nächsten Roman habe er sieben Jahre gebraucht. „Westend“ sei heute weit von ihm entfernt, er selbst „ein ganz anderer Mensch“. Nun könne das Buch beweisen, ob es auf eigenen Beinen stehe. Vor die Wahl gestellt, Erfolg oder Misserfolg bei Erscheinen eines Buches zu haben, gab Mosebach zu Protokoll, bevorzuge er mittlerweile die zweite Variante, die mit dem nachgeholten Erfolg. Eleganter Einzelgänger jenseits der aktuellen Mode? Damit ist die Literatur immer besser gefahren.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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