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Martin Heipertz im Interview : Ich denke oft an Tektonik

  • Aktualisiert am

Buchautor und enger Schäuble-Mitarbeiter: Martin Heipertz Bild: Jens Gyarmaty

Martin Heipertz hat seinen ersten Roman geschrieben. Es geht um einen Aussteiger, der einen Banker in Zweifel stürzt. Ein Kommentar zur Krise?

          Herr Heipertz, da hofft man, dass die Leute im Finanzministerium Tag und Nacht den Euro retten, und dann schreiben Sie als Mitglied des Leitungsstabes einen sozialromantischen Roman über einen Investmentbanker. Wie kann das sein?

          Ich kann Sie beruhigen. Das Manuskript ist 2008 entstanden. Da war ich für den Europäischen Rat im Kosovo und hatte etwas mehr Zeit als jetzt.

          Ihr Buch „Der Tramp“ erzählt die Geschichte eines Bankers, der in den Taunusanlagen in Frankfurt die Bekanntschaft eines Aussteigers macht. Die Zweifel, die er ohnehin an seinem Bankjob hat, werden dadurch nur befeuert. Ist das nicht ein bisschen konstruiert?

          Die Geschichte geht auf eine Begegnung zurück, die 2006 tatsächlich stattgefunden hat. Da war ich Notenbanker bei der Europäischen Zentralbank und habe die Bekanntschaft von Franz S. gemacht, wie ich ihn im Buch nenne. Er lebt heute in Wien, wo er stadtbekannt ist, eine Institution. Wir haben noch Kontakt, und er ist übrigens am Gewinn des Buches beteiligt.

          Das Finanzministerium in Berlin

          Franz S. ist in Ihrem Roman ein ehemaliger Bankräuber.

          Genau.

          Und die Spiegelfigur, der er sein Leben erzählt, ist der junge Investmentbanker Frank, der sich amerikanisch „Fränk“ nennen lässt. Könnte man nicht sagen: Das sind beides Bankräuber? Beide wollen den maximalen Profit, einer mit legalen, der andere mit illegalen Mitteln.

          In gewisser Weise ja, aber zuerst einmal sind beide Spieler. Franz legt ja dar, welche Art der Zockerei er betrieben hat, und er vergleicht das mit der Situation in der Bank. Bei euch in der Bank, sagt er, ist das doch auch so: Einer gewinnt, einer verliert, und die Bank gewinnt immer. Das verstehe ich als indirekte Kritik des Teiles des Finanzsektors, der spekulativ vorgeht und im Grunde auch nicht wirklich an der Wertschöpfung beteiligt ist.

          Über „Fränk“, den Banker, erfahren wir im Roman nicht viel mehr, als dass er goldene Manschettenknöpfe trägt, rahmengenähte Schuhe, einen Anzug aus der Savile Row in London. Und er hat ein Einstecktuch aus bunter Seide „künstlerisch-keck in die Tasche geflauscht“ - genau wie Sie jetzt gerade.

          Da habe ich mir heute morgen extra viel Mühe gegeben.

          Mehr erfahren wir aber nicht. Warum nicht? Ist der Investmentbanker keine Erzählung wert? Immerhin ist er eine der mächtigsten Figuren unserer Zeit.

          Ursprünglich hatte ich mal den Plan, mehr ins Romanhafte zu gehen. In einer solchen Erzählung hätte dann auch die Finanzwelt eine wesentlich größere Rolle gespielt. Man könnte das Spiegelverhältnis der beiden Männer ja noch erheblich zuspitzen und erzählen, wie auch Fränk in eine spielerisch verschuldete Notsituation kommt, nämlich gegenüber seiner Bank. Und wie er dann versucht, aus dieser Notsituation mit kriminellen Mitteln wieder herauszukommen. So, wie der berühmte Jérôme Kerviel, der mit seinen Spekulationsgeschäften beinahe die Pleite der französischen Société Générale herbeigeführt hat.

          Der Hochstapler . . .

          Wenn Sie so wollen, hat der das Kapital seiner Bank, das ihm für seine Dienste zur Verfügung stand, genommen, um zu wetten. Und als das schiefging, hat er sich unlauterer Mittel bedient und wesentlich mehr Einsatz generiert, als ihm erlaubt war. Damit hatte er überreizt, daran ist die Société Générale beinahe pleitegegangen. Ich hatte durchaus mal erwogen, die Geschichte auf die Spitze zu treiben und den Fränk zu einem Frankfurter Kerviel zu machen.

          Und warum haben Sie das nicht getan?

          Ich hatte nicht die Zeit. Und es ging mir erst einmal darum, die Geschichte von Franz S. als Fallgeschichte zu erzählen.

          Halten Sie es für schwierig, die Finanzwelt zu beschreiben?

          Nicht unbedingt. Unter den klassischen Investmentbankern finden Sie aber wohl kaum jemanden, der dieselben Zweifel an seinem Job hat wie Fränk in meinem Buch.

          Wieso? Müssen Zweifel ausgeblendet werden?

          Es ist schwer vorstellbar, als Trader mit Zweifeln einen guten Job zu machen.

          Haben Sie jemals als Investmentbanker gearbeitet?

          Nein. Ich glaube, dass bei mir die Zweifel so groß geworden wären, dass ich das gar nicht gut hätte machen können.

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