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Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ : Der Deutsche nur kann das Sein neu sagen

Ich und Hölderlin und Anaximander: Martin Heidegger auf einer Fotografie aus späteren Jahren Bild: Keystone Schweiz/laif

Jetzt sind sie da, und sie sind ein Schrecken: Heideggers geheime „Schwarze Hefte“ dokumentieren in enormer Fülle das intellektuelle Desaster des Philosophen.

          Das jüngste Interesse an Martin Heidegger galt zuletzt nur indirekt seinem philosophischen Werk und mehr dem zeitgeschichtlichen Schwefelgeruch. Heidegger, der für eine ganze Generation um 1925 herum - Leute wie Karl Löwith, Hans Jonas, Leo Strauss und Herbert Marcuse - der maßgebliche Philosoph war, wurde Mitglied der NSDAP. Er übernahm 1933 in diesem Sinne das Rektorat der Universität Freiburg und konnte sich sein Denken jener Jahre als Beitrag zum Nationalsozialismus vorstellen. Oder diesen als Chance zur Wirksamkeit von Gedanken; bei vielen Intellektuellen ging das durcheinander.

          Jetzt liegt der erste, mehr als fünfhundertseitige Band seiner „Schwarzen Hefte“ vor. Er bringt aus diesen insgesamt 33 Kladden die gut eintausend Notizen, die Heidegger von 1931 bis 1938 zur Aufgabe von Philosophie und zu den Zeitumständen im NS-Staat angefertigt hat (Martin Heidegger, Gesamtausgabe Band 94: Überlegungen II-VI, Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2014). Mitte März folgen zwei weitere Bände, aus denen schon offen antisemitische Äußerungen zitiert worden sind.

          Machenschaft und Verschwiegenheit

          Was nun gibt diese erste Lieferung zu lesen? Heidegger befindet sich 1931 und in den folgenden Jahren ganz offenkundig in einer Krise. Was er philosophisch vorhat, liest sich so: „Muß der große Alleingang gewagt werden, schweigend - in das Da-sein, wo das Seiende seiender wird?“ Und so: „Wir müssen uns zurückstellen in den großen Anfang.“ Oder so: „Wenige nur vermögen noch die Kluft zu durchmessen zwischen dem Riesigen der Machenschaft und der Verschwiegenheit des Seyns.“

          Die Philosophie hat in diesen Notizen fast nur ein Thema: sich selbst. Es geht darum, wie sie „ursprünglich“ und nicht bloß eine universitäre Angelegenheit sein kann. Wie sie zu wirken vermag. Auf welche Weise sie das Unwahre aus der Welt schaffen kann. Oder recht behalten, wenn das nicht gelingt. Heidegger schwebt eine riesige Epochenzäsur vor, eine Beseitigung aller Irrtümer, die voraussetzt, dass sie als solche eingesehen werden. Die darum Philosophie voraussetzt, seine Philosophie, welche wiederum vor allem davon handelt, dass endlich die Not, in der sich alles befindet, eingesehen werden muss. „Und was ist unser Aufgegebenes? Daß der Andrang des Verborgenen ursprünglich und einfach dränge und daß die entwerfende Fügung als lang vorbereitetes Werk ergriffen werde.“

          Ein „Schwarzes Heft“: Links oben formuliert Heidegger einen „Leitspruch für das Rektorat“ und hält dann fest: „Führerwille ist ein anderes als Geltungstrieb“

          Heidegger verachtet die philosophischen Zeitgenossen: „alles schlürft Stimmungen“. Noch mehr verachtet er die Wissenschaften, die für ihn ohne philosophische Grundlegung gar nichts sind. Immer größer, immer hypertropher wird dabei das, was er als einzig wahre Aufgabe bezeichnet: „Dem Seyn im Begriff eine Bahn brechen“. Dabei stellt Heidegger zuweilen durchaus die Frage: „Ermächtigung des Seins - durch Abhandlungen?“ Die Antwort, die er sich selbst gibt, lautet: „Gewiß nicht - sondern allein durch das Geschehen, das sich im geworfenen Verstehen, das sie“, also die Abhandlungen, „verlangen, zeitigt und einräumt.“ Er stellte sich also durchaus vor, dass seine Philosophie ungeheure Folgen haben sollte.

          Das bestimmt auch die Notizen zur Zeit des Freiburger Rektorats. Schon im Herbst 1932 notiert er: „herrlich erwachender volklicher Wille“. Seine Gewissheit, der „Deutsche allein kann das Sein ursprünglich neu dichten und sagen - er allein wird das Wesen der Theoria neu erobern und endlich die Logik schaffen“, verbindet sich dem Eindruck, er lebe in einer Weltstunde, die „deutsche Philosophie zum Erklingen bringen soll!“.

          Es fehlen die Menschen

          Doch für das, was der Philosoph vorhat, wie anders, „fehlen die Menschen“. Der Nationalsozialismus ist für Heidegger nur ein Durchgangsstadium zu dem, was Heidegger sieht. Wäre er es nicht, dann bliebe „nur ein Grauen vor dem Verfall übrig“. Wenig später notiert er, das Presseamt der Universität vermelde die Zahl der SA-Männer, die in der Mensa speisten: „Und was dann?“ Er stehe am Ende eines gescheiterten Jahres, heißt es im April 1934, und es folgen viele Notizen über Lärmer, Gaffer, Streber. Aber wie kam er darauf, dass es anders kommen würde? Durch eine aberwitzige Abschirmung der Philosophie vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die mit einer Steigerung ihrer Wirkungsphantasien einherging. Kraft durch Absicht: „Nicht das gilt es zuerst, was dem Volke dient (will sagen nützt), sondern Jenes, dem das Volk dienstbar werden muß, wenn es ein Volk geschichtlich sein will.“

          Der Denker erschreibt sich so ein Paralleluniversum, genießt nach dem Scheitern im NS-Staat die Tatsache, dass er, Anaximander und Hölderlin es allein bewohnen, pocht aber darauf, in Wahrheit stehe die Philosophie nur abseits des Mittelmaßes und der Raserei ihrer Zeit. Er will dabei sein und dagegen sein, wirken und die geistige Prämie einsamen Sehertums einstreichen.

          Das intellektuelle Desaster des Philosophen

          Von allem, was es gibt, fertigt er entsprechend eine „geistige“ Zweitfassung an. Die Universität sei tot, es gelte eine Schule der Wissenserziehung. Organisationen ohne philosophisch durchgearbeiteten Willen sind abzulehnen. Völkisch denken ja, aber der Biologismus sei „undeutsch“. Ein Volk, das sich als Selbstzweck setze, verbreitere nur den Egoismus ins Riesige. Selbst vor „Blut und Boden“ setzt er das Attribut „kleinbürgerlich“, als wäre es, großunbürgerlich verstanden, ein weniger bösartiger Begriff.

          Dies alles war aus den bisherigen Publikationen Heideggers jener Jahre nicht unbekannt. Doch die erste Lieferung der Schwarzen Hefte dokumentiert in enormer Fülle das intellektuelle Desaster des Philosophen. Wir lesen, wie er Maßlosigkeit in Größe umdeutet, Isolation in Voraussein, Ahnunglosigkeit in Darüberstehen und pure Einbildung in gedankliche Radikalität. Wer am Autor von „Sein und Zeit“ und der Marburger Vorlesungen etwas finden kann, auf den wartet hier eine ebenso aufschlussreiche wie deprimierende Lektüre.

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