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Martin Heidegger : Sein und „Zeit“

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Martin Heidegger und die ewige Wiederkehr des gleichen Skandals: In der Wochenzeitung „Die Zeit“ wird die These vertreten, wegen bisher unbekannter Zitate lasse sich der Philosoph „nur noch schlecht verteidigen“. Wie bitte?

          Martin Heidegger lasse sich jetzt „nur noch schlecht verteidigen“, meint Thomas Assheuer. Der Redakteur der „Zeit“, der es zum Glück auch noch nie versucht hat, fasst so zusammen, was sich für ihn aus einigen bislang unbekannten Zitaten des Philosophen ergibt.

          Im kommenden März werden sie in einer Edition von Heideggers sogenannten Schwarzen Heften nachzulesen sein. In ihnen hatte sich der Philosoph von 1931 an Notizen gemacht, unter anderem antisemitische. Welcher Art sie genau sind, weiß außer einer Handvoll Leute niemand. „Kleinste philosophische Partikel“ (Assheuer), vulgo: ein paar Halbsätze sind über Pariser Lautsprecher bekannt geworden.

          Mithin ist jetzt publik, dass Heidegger vom „Rasseprinzip“ schrieb, eine „Begabung“ der Juden für „das Rechnerische“ erkannt haben wollte und eine „Entwurzelung“ und „Weltlosigkeit“ des „Weltjudentums“. Weshalb man den Autor dieser Phrasen jetzt „nur noch schlecht“ verteidigen kann, bleibt Hamburger Redaktionsgeheimnis. Denn klarerweise kann man es überhaupt nicht und konnte es auch noch nie.

          Das Weltunglück im Allgemeinen

          Heideggers Diagnose war, das Weltunglück im Allgemeinen wie die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts im Besonderen entsprängen der Rechenhaftigkeit und Technizität des abendländischen Denkens. Dafür machte er abwechselnd alle Philosophen nach Heraklit und vor Heidegger, insbesondere aber Descartes, außerdem – von Hölderlin abgesehen – das neunzehnte Jahrhundert sowie die Amerikaner und die Russen verantwortlich. Und hier nun also auch die Juden. Das alles war seit jeher als krauses, eines Schülers von Edmund Husserl unwürdiges Gerede erkennbar; Guido Schneebergers Dokumentation der nationalsozialistischen Sprüche Heideggers stammt von 1962.

          Thomas Assheuer jedoch hält den Gedanken, die Durchrationalisierung der Welt habe eine „neue Undurchsichtigkeit“ und diese das Ungeheuerliche erzeugt, für „originell“. Er schlägt nur vor, die Rechenhaftigkeit nicht wie Heidegger in das Judentum zu projizieren, sondern – „wie Horkheimer und Adorno“ – dem ökonomischen Zweckdenken zuzuschreiben, das eine „dämonische Intransparenz“ geschaffen habe.

          An der Weltverdüsterung wäre also die betriebswirtschaftliche Rationalität schuld? Das ist ebenso intelligent wie das Gerede von einer „totalisierten Vernunft“, unter der die Menschheit leide, weil sie in „totale Unvernunft“ umgeschlagen sei. Oder die These, Heidegger habe einen „Kampf gegen das ,Weltjudentum‘ geführt“ – in unpublizierten Notizheften.

          Warum kann man nicht einfach festhalten, dass ein Philosoph sich in der These festgebissen hatte, die Wissenschaft denke nicht, wodurch er sich offenbar der Verpflichtung zu Argument und Empirie entbunden sah? Und dafür einen Preis in Form „origineller“ Einfälle zahlte, die damals ziemlich viele mit ihm teilten, was sie nicht weniger widerwärtig macht. Einen Anspruch auf Tiefendeutung und Skandal jedoch besitzt derlei nicht, auch wenn es vom Autor von „Sein und Zeit“ kam.

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