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Marsch für die Wissenschaft : Die Gedanken sind frei, auch jene der Impfgegner

Sie haben ja Recht: Demonstranten beim „March for Science“ vor der Berliner Humboldt-Universität Bild: dpa

Zu Fakten gibt es keine Alternative, aber hundert Meinungen: Der Marsch für die Wissenschaft verzettelte sich in Berlin im Protest gegen die Weltübel. Eine deutsche Szene.

          3 Min.

          Zwischen fünftausend und zehntausend Menschen sollen es gewesen sein, die am Wochenende in Berlin für die Wissenschaft und das freie Denken auf die Straße gingen. Doch das ist eigentlich egal. Im hohen Norden jedenfalls waren es sieben, die Überwinterer vom Alfred-Wegener-Institut in der Arktis. Auf dem Agenturfoto sieht man vermummte Forscher mit Plakat: „Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen. Jetzt ist die Zeit, mehr zu verstehen, damit wir uns weniger fürchten.“ Ein Zitat von Marie Curie, das für den Optimismus der Polarforscher gelten mag, aber für die Welt von heute?

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Weltweit ging es gegen die Faktenverdreher und Verschwörungstheoretiker, gegen Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit. Wer vom Aufruf der Organisatoren des „Marsches für die Wissenschaft“ zuvor nichts gehört hatte und vom Berliner Straßenrand aus versuchte, sich zu informieren, was es zu verteidigen gilt, dürfte es schwer gehabt haben. Plakate gegen Freiheitsbeschneider wie Trump und Orbán wurden geschwenkt, das war noch klar. Aber was war mit der jungen Frau, die „I am angry“ hochhielt, daneben Klimaapokalyptiker, die anzusprechen nicht ratsam war, weil dann sofort ein Standardmonolog auf einen niederprasselte, von CO2 über „unsere Kinder“, vor denen wir alles Mögliche zu verantworten hätten, bis hin zu ansteigenden Meeresspiegeln.

          Mancher Protest geriet zu leise

          Mag sein, dass es in den Vereinigten Staaten Sinn machte, den Marsch, der dort initiiert wurde, auf den „Earth Day“ zu legen, der für Klimawandel und Umweltzerstörung sensibilisieren soll. In Berlin waren die Unterstützer dieser Bewegung so stark vertreten, dass man den Eindruck gewinnen konnte, hier gelte es, den nächsten Klimagipfel mit starken Sprüchen zu begleiten. Die Kommunisten von der Partei MLPD, mit Hammer-und-Sichel-Emblem auf ihrem gewaltigen Transparent gut einzuordnen, warnten vor Profitwirtschaft, die die Natur bedrohe, auf Deutsch und Polnisch. Wie sich herausstellte, ging es nicht etwa um aktuelle Missetaten in Polen, sondern um ein dauerhaftes Anliegen ihrer Partei, auf das sie seit dem Klimagipfel 2014 in Warschau mit ihrem haltbaren Transparent aufmerksam machen, wo immer sich Gelegenheit dafür bietet.

          Auf dem Weg zum Brandenburger Tor ein kurzer Stopp vor der ungarischen Botschaft Unter den Linden. Die Aufforderung, laut Partei zu ergreifen für die bedrohte Central European University (CEU) in Budapest, geriet etwas zu leise. Die Russen, deren Botschaft gegenüberliegt, blieben ganz verschont, obwohl sie das, was Orbán vorschwebt, bereits getan haben: eine Universität, deren Geist den Machthabern zu liberal ist, zu schließen. Eine ungarische Wissenschaftlerin fand das trotzdem gut, aber sie bedauerte, dass im Protest für die CEU untergeht, wie intensiv Orbáns Partei bereits an der Beschneidung freier Forschung arbeitet, weil diese Partei Funktionsposten an allen ungarischen Universitäten mit eigenen Getreuen besetzen will. So großartig der Einsatz für gute Universitäten und freie Forschung ist – nicht nur die Berliner Demonstration und die anschließende Kundgebung am Brandenburger Tor zeigten eine Schwäche des Marsch-Konzeptes. Zu viel ging da durcheinander und unverbunden nebeneinander, behauptete ein kollektives Einverständnis, wo auf Eigensinn und Originalität hätte gepocht werden müssen. Die Erinnerung des Vizepräsidenten der Humboldt-Universität, Ludwig Kronthaler, an die universalen Leitideen der Brüder Humboldt ist klug und richtig. Doch nicht alle, die da ihre partikularen Interessen demonstrierten, dürften gewusst haben, was er damit meint.

          Ein Mut machender Befreiungsschlag

          Das Motto „Zu Fakten gibt es keine Alternative“ klingt gut, widerlegte sich aber im Demonstrationsfluss immer wieder selbst. Da liefen sehr überzeugte Impfgegner und unweit davon die Wissenschaftler für den Impfschutz; die Gegner jeglicher Gentechnik und die Wissenschaftler der Biowissenschaften. Die Verteidiger des freien Diskurses, der Widerspruch zulässt und nicht von der Politik vereinnahmt werden will für fragwürdige Reformen, waren vertreten genauso wie jene, die ihren vermeintlichen Kosmopolitismus ziemlich populistisch als die einzig erträgliche Wahrheit anpriesen. Eine Beschränkung auf aktuelle Bedrohungen wie die Verfolgung Tausender türkischer Hochschullehrer und Dozenten, nur zum Beispiel, wäre wohl sinnvoller gewesen, als immer neue Protestnoten Richtung Weißes Haus zu senden.

          Zumal viele jüngere Wissenschaftler ihre provisorischen Plakate mit echten Warnungen vollgeschrieben hatten: Ihre Fächer, etwa die Regionalwissenschaften, die fast die ganze Erde im Blick haben, drohen aus fiskalischen Gründen zu verschwinden. Die EU und ihre impact-gebundene Förderpolitik, die genau das tut, was so viele beklagen, spielte gar keine Rolle auf dem Berliner Marsch. Dabei wäre kräftiger Protest gegen die Marginalisierung von Grundlagenforschung, von Geistes- und Sozialwissenschaften geboten gewesen. Zum Schluss immerhin ein Mut machender Befreiungsschlag: „Die Gedanken sind frei“ sangen Tausende und meinten es ernst.

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