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Marlene Dietrich : Sie lässt sich das Buch gefallen

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Alfred Polgar kannte Marlene Dietrich, hier am Strand von Antibes, noch aus gemeinsamen Berliner Jahren vor dem Krieg, im Exil trafen sie sich wieder. Bild: Press Pictures

Dem Vergessen entrissen: Mehr als 75 Jahre nach seiner Entstehung erscheint erstmals das Porträt von Marlene Dietrich aus der Feder von Alfred Polgar, dem großen Feuilletonisten der zwanziger Jahre.

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          Das schmale Büchlein umfasst insgesamt nur 159 Seiten, von denen nicht mehr als knapp über sechzig das wiedergeben, was sein Titel ankündigt, nämlich ein Bild des einst weltberühmten Filmstars Marlene Dietrich, gezeichnet von Alfred Polgar. Den übrigen Platz besetzen zum Teil Anmerkungen, Personenregister und andere informative Anhänge, zum anderen Teil tut das ein Beitrag des Herausgebers Ulrich Weinzierl.

          Doch trotz seiner räumlichen Einschränkung vermittelt uns das Buch durchaus präzis ein Stück Geschichte, das wir kennen sollten. Es ist nämlich die Vorgeschichte unserer eigenen Gegenwart, eingewebt in das persönliche Leben und Erleben von Personen, von denen die heutigen Deutschen allenfalls noch die Namen kennen, aber sonst nicht mehr viel wissen. Zwar haben die meisten unserer Zeitgenossen schon mal einen Film mit der Dietrich gesehen, wenn nicht im Kino, dann im Fernsehen. Aber da begegnen sie ja nur den von ihr gespielten Figuren, nicht dem Menschen Marlene, ihren positiven oder negativen Eigenschaften. Und Alfred Polgar? Die Erwachsenen, gar die Jungen von heute haben selten von ihm gehört, von der einstigen Bedeutung des Theater-, Film- und Literaturkritikers, der in der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts so viel galt.

          Marlene Dietrich hätte womöglich eingegriffen

          Einer der wenigen Wissenden ist der Kultur-Journalist Ulrich Weinzierl. Er wurde, wie Polgar, in Wien geboren, allerdings rund sieben Jahrzehnte später als sein Vorläufer, nämlich 1954, ein Jahr vor Polgars Tod. Weinzierl, einst Korrespondent für das Feuilleton dieser Zeitung, gab gemeinsam mit Marcel Reich-Ranicki die Werke Alfred Polgars heraus, betitelt „Kleine Schriften“. Er kennt sich also hervorragend aus in allem, was der namhafte Kritiker jemals schrieb oder unternahm. Im Zusammenhang mit seiner editorischen Tätigkeit suchte Ulrich Weinzierl im Jahr 1984 Polgars Stiefsohn in New York auf und fand in dessen Wohnung das Manuskript, dessen gedruckte Version uns jetzt vorliegt.

          Aber wieso erst heute, mehr als dreißig Jahre nach dem Fund? Nun, ein Geheimnis steckt nicht dahinter. Es geht einfach um den seinerzeitigen Mangel an genauem Wissen, betreffend die Beziehung zwischen Polgar und Dietrich, und damit um das Für und Wider jener Mini-Biographie. Auch lebte Marlene Dietrich damals noch (sie starb 1992), und es wäre ja möglich gewesen, dass sie abwehrend in den Plan eingegriffen hätte. Erinnern wir uns nur an den Abschiedsfilm, den Maximilian Schell über die greise Dame drehte und in dem er bloß ihre Pariser Wohnung, jedoch kein einziges Mal sie selbst zeigen durfte. Wie auch immer – erst nach Dietrichs Tod und jahrelangen Recherchen fühlte sich Ulrich Weinzierl in der Lage, Alfred Polgars kleine Schreibarbeit guten Gewissens an die Öffentlichkeit zu bringen.

          Er hat sie rundum mit Zusatzinformationen abgesichert, die alle eventuellen Fragen beantworten, bevor sie noch gestellt werden können. So zum Beispiel die Frage nach der literarischen Qualität jener Biographie, die für jeden, der jemals Polgars Arbeiten gelesen hat, erkennbar unter seiner Norm liegt. Die Gründe ergeben sich ganz zwangsläufig aus der Historie der Entstehungsjahre und deren Folgen für den Autor. Seit 1933 war es von fataler Bedeutung, dass Alfred Polgar aus einer jüdischen Familie stammte. Er verlor seine Schaffens-Heimat Berlin, flüchtete nach Prag, dann nach Wien, von wo ihn 1938 der „Anschluss“ Österreichs verjagte. Er rettete sich nach Paris, und als dort 1940 die deutsche Wehrmacht eindrang, entkam er nach Hollywood.

          Diese Jagd über den Globus war schon fatal genug. Verschlimmert wurde sie durch den Verlust aller Existenzgrundlagen, die zuvor eine Selbstverständlichkeit gewesen waren. Seinem Freund Carl Seelig in Zürich klagte Polgar 1934: „Sie wissen’s nicht, können’s nicht wissen, wie kotzübel mir als Bettel-Literat zu Mute ist.“ Carl Seelig reagierte mit einem Telegramm an Marlene Dietrich, in dem es heißt: „Erbitte herzlichst Hilfe für Polgar.“ Und der Hollywood-Star schickte fortan immer wieder Geld zur Unterstützung des arbeits- und mittellosen Journalisten. Die beiden kannten einander aus den Jahren vor Hitler, als Berlins kulturelle Hautevolee sich in den feinen Bars am Kurfürstendamm traf. Aber kennen heißt nicht befreundet sein, jedenfalls nicht in jener Zeit, da die eine im gut dotierten Filmhimmel zu Hause war und der andere sich mühen musste, aus der Armutsgosse zu kriechen.

          Hitler war überall

          Polgar versuchte, der beschämenden Situation Herr zu werden. 1936 schrieb er an Marlene Dietrich: „Kann ich nicht, in irgendwelcher Form, Ihnen gefällig sein? Als Schriftsteller etwas für Sie leisten? Jede solche Arbeit, auch unhonoriert, wäre mir eine Herzensfreude.“ Das war der Zeugungsmoment für die kleine Biographie, aus deren Erscheinen dann lange nichts wurde. Ihr Autor hielt sich nur widerwillig an die Abreden, ihm schien der Gedanke, „in heutiger Zeit als Psalmodist einer Film-Diva 150 Seiten von mir zu geben“, schwer erträglich. Und die Dietrich kümmerte sich vorwiegend um andere politische Herausforderungen. Bei seinem Zürcher Freund Seelig beschwerte sich Polgar: „Sie läßt sich das Buch gefallen, tut aber nichts, das einer wirklichen (und doch so notwendigen) Mitarbeit ihrerseits gleich käme. Und die ganze Sache bekam den falschen Anstrich, als brenne ich auf das Buch, und sie lasse sich dazu bewegen, sein Erscheinen zu dulden.“

          Ulrich Weinzierl zitiert das alles ausführlich, ohne sich jedoch die darin gefällten Urteile zu eigen zu machen. Was er uns vorführt, ist ja nicht in erster Linie das Hickhack zweier eitler Personen. Vielmehr dient diese Geschichte dazu, tief in eine Höllenzeit zurückzublicken, in der es neben millionenfachem Mord auch millionenfaches Verderben des ganz gewöhnlichen Alltags gab. Also eine Form von Unglück, die wir uns ganz gut im eigenen Leben vorstellen können und deren Beschreibung uns lehrt, was es bedeutet, Zeitgenosse solcher Vorkommnisse sein zu müssen. Alfred Polgar konnte sich mühen, wie er wollte, er kam immer irgendwie zu spät, weil er immer irgendwo auf Hitlers Machenschaften stieß. Seine Dietrich-Biographie sollte in einem Wiener Verlag erscheinen, doch ganz kurz bevor es so weit kam, gehörte auch Wien dem Diktator. In dessen Bereich war es selbstverständlich unmöglich, ein Buch zu drucken, das ein jüdischer Autor über eine hitlerfeindliche Deutsche geschrieben hatte.

          Wir können dem Herausgeber dankbar sein, dass er Alfred Polgars Arbeit aus dem Vergessen zog. Und dass er uns in seinem klugen Beitrag deutlich macht, wie hilfreich eine solche Uraltgeschichte sein kann, um nicht nur die damaligen Vorgänge, sondern auch deren Spuren in unserer Gegenwart besser zu verstehen.

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