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Marktl am Inn : Der benediktinische Hefeteig geht schon auf

Auch ein Konklave: ein Fenster im Geburtshaus Ratzingers Bild: AP

Das Hefeteiggebäck in Mitraform, das eine Bäckerei im Geburtsort des neuen Papstes noch in der Wahlnacht ersonnen hat, war erst der Anfang: erinnerungstechnische Nachrüstung in Marktl am Inn.

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          Papstwetter ist es nicht, das Petrus den Marktlern am Tag zwei der neuen Zeitrechnung schickt. Sieben Grad und teils heftige Regenschauer machen den zahlreichen Fernsehteams aus aller Welt die Arbeit im hintersten Winkel Oberbayerns nicht direkt zum Vergnügen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der Ortskern ist abgesperrt, aber ansonsten ist von Jubel auf den ersten Blick wenig zu spüren. Sogar Fahnen oder Bilder vom neuen Papst fehlen. Aber die Stimmung ist trotz der medialen Aufgeregtheiten ganz entspannt. In kleinen Gruppen stehen die Einheimischen beieinander, Interviews sind jetzt erste Bürgerpflicht, und so antworten sie geduldig und bereitwillig auf die Fragen der Presseleute. Ein, zwei Tage geben sie dem Rummel, dann werde das vorbei sein, sagen sie vor der Sparkasse.

          „Schließlich muß man ja irgendwas anbieten“

          Manche waren schnell, ein reichlich düsterer Gesundheitsladen verkündet im Schaufenster die Ankunft eines "Energiespenders aus Marktl": "Ab morgen im Angebot: 100 Gramm AyurvEder Benedikt XVI. Kräutertee." Noch schneller reagiert haben die beiden Bäckereien. In der Nacht, nach der ersten Feier mit Freibier, habe man sich überlegt, was man machen könne, sagt Roswitha Leukert, "schließlich muß man ja irgendwas anbieten".

          Papstmützen sind es dann geworden, Hefeteiggebäck in Mitraform mit Rosinen, das Stück zu sechzig Cent, zur Feier des Tages als Zugabe kostenlos. Bei der Konkurrenz Winzenhörlein gibt es ein Pfund "Vatikanbrot" für einen Euro und das Stück "Benedikt-Torte" zu einsdreißig. Roswitha Leukert erinnert sich mit strahlenden Augen, auch wenn sie die Geschichte an diesem Tag bestimmt nicht zum ersten Mal erzählt, wie ihre damals vierjährige Tochter zum Besuch des Kurienkardinals Ratzinger ein Gedicht aufgesagt hat.

          Zwischenstop auf dem Pilgerweg

          Heute ist die Tochter elf, und Ratzinger ist Papst. Am 13. Juli 1997 war das, der Kardinal war gekommen, um die Ehrenbürgerwürde des Marktes Marktl anzunehmen. Er ist der zweite, dem diese Ehre widerfuhr; Nummer eins war ein Dorfpfarrer im neunzehnten Jahrhundert.

          Die Ehrenbürgerfeier sei eine große Sache gewesen, aber jetzt sei "die ganz Welt zu Gast: unglaublich" findet die Bäckersfrau das, und ein wenig unheimlich ist das ja auch, was sich da an Medieninteresse über den Flecken ergießt. Fürs Geschäft wäre ein wenig Tourismus und Pilgerbetrieb natürlich gut: "Hoffentlich bleibt ein bißchen was hängen." Schon am Wochenende werden siebentausend Jugendliche erwartet, die auf ihrem Pilgerweg von Passau zur Schwarzen Madonna nach Altötting traditionell durch Marktl marschieren.

          Kaum Spuren aus den zwei ersten Lebensjahren

          Wenn sich der Besuch künftig lohnen soll, muß erinnerungstechnisch aufgerüstet werden. Denn viele Spuren hat Benedikt XVI. nicht hinterlassen - naturgemäß. Gute zwei Jahre hat er hier gelebt, bevor sein Vater, ein Landpolizist, mit der jungen Familie salzachaufwärts nach Tittmoning zog. Das Geburtshaus mit der Hausnummer elf steht aber immerhin prominent an der Stirnseite des Marktplatzes, eingerahmt von Rat- und Bürgerhaus und der Marien-Apotheke. Letztere hält auch an diesem Mittwoch eisern die Mittagsruhe ein, bloß nicht durcheinanderbringen lassen von dem Rummel.

          Aber das leerstehende große Gasthaus und eine verwaiste Metzgerei zeigen auch, daß es mit der Wirtschaftskraft der 2700 Einwohner zählenden Gemeinde nicht zum besten steht. Die meisten Arbeitsplätze bietet die Wacker-Chemie im benachbarten Burghausen, der größte Arbeitgeber der Region.

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