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Mario Vargas Llosa : Wider die Herrschaft der Rampensäue

Liberaler Kosmopolit: Der peruanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa Bild: dapd

Unterhaltung und Zerstreuungslust: Mario Vargas Llosa beklagt in seinem neuen Buch vehement den Amüsierbetrieb der gegenwärtigen Kultur - und findet dafür nicht nur Beifall.

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          Einen düsteren Befund hat der Schriftsteller Mario Vargas Llosa vorgelegt. Unsere Kultur sei im Verschwinden begriffen, sie gehe unter im Lärm von Frivolität, Gelächter und fortschreitender Banalisierung. „Die Zivilisation des Schauspiels“ heißt sein gut zweihundert Seiten starker Essay, der jetzt beim Madrider Verlag Alfaguara erschienen ist, und man darf das Schlüsselwort des spanischen Originaltitels - „La civilización del espectáculo“ - nicht durch den mit dem falschen Freund „Spektakel“ ersetzen, auch wenn der Begriff mitschwingt. „Espectáculo“ bedeutet völlig wertfrei Schauspiel, Vorstellung. Der Literaturnobelpreisträger benennt damit eine kulturelle Szenerie, die sich vom stillen Raum (dem Buch, der Reflexion, der Kunstbetrachtung in der Museumshalle) auf die Bretter der öffentlichen und um Öffentlichkeit buhlenden Darbietung verlegt hat. Gemeint sind also Bühne, Unterhaltungsshow, Videowand, Fernsehstudio und Youtube, Klatschen, die Herrschaft der Rampensau und das Bruhaha des zerstreuungslüsternen Publikums.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Um die wichtigste Produktinformation hinter uns zu bringen: Der Essay liest sich spannend und klar wie alles, was Vargas Llosa schreibt, und er lohnt sich auch für die, die anderer Meinung sind. Weil er so viele Themen berührt, lässt sich mit seiner Hilfe überall anknüpfen. Gegen einen gutgemeinten Multikulturalismus setzt der Autor die Idee des Kanons und der Wertehierarchie, also immer noch Shakespeare statt Eskimopoesie. Gegen die Sexualisierung des Alltags das Geheimnis der Erotik, das Spiel mit Verhüllungen und Tabus. Gegen ideologische Gängelung hier oder politische Korrektheit dort den Glauben an Demokratie und Gedankenfreiheit.

          Sonne und Party

          Das ist sein Fetisch, der höchste Wert von allen: Freiheit. Ihr schönster Ausdruck ist für Vargas Llosa die Freiheit des Romanautors, ein Reich des Imaginären zu bauen. Dort ist der Kritiker Vargas Llosa wie ein genießendes Kind, neugierig, großzügig, unersättlich. Und da er mit den Großtaten der literarischen Moderne aufgewachsen ist, mit Proust, Kafka und Joyce, da er selbst mitgeholfen hat, seinen Heimatkontinent im Boom der lateinamerikanischen Phantasie auf die weltliterarische Karte zu setzen, stammen von dort seine ästhetischen Maßstäbe: Bücher dürfen, ja sollen etwas fordern, sie können anstrengend, wild und voller dunkler Zonen sein. Doch ebendiese Chiffrierung, schreibt Vargas Llosa, werde heute nicht mehr ertragen. Nicht vom Publikum, das etwas Leichteres lesen wolle; und nicht von den Schriftstellern, die mit zugänglichen, planen Werken kommerziellen Erfolg suchten.

          Das neue Buch: „La civilización del espectáculo“

          Natürlich kennen wir das von ihm, aber es schadet nicht, es im Zusammenhang zu lesen und den Bogen sich weiten zu sehen. Kapitalismus sei gut, sagt Vargas Llosa zum Beispiel, müsse aber gezügelt und kontrolliert werden. (Nach dem ethischen Fundament der Sache halten wir nicht erst seit der Finanzkrise Ausschau.) Ein laizistischer Staat, so Vargas Llosa weiter, sei der einzige Garant für die Freiheit des Einzelnen, doch eine völlig entspiritualisierte Welt tauge auch nicht: Frei ausgeübte Religion mache die Welt besser und gebe ihr ein zivilisatorisches Plus. Deshalb hat Vargas Llosa schon vor zehn Jahren dem Kopftuchverbot in Frankreich applaudiert, als Geste eines Staates, der unter seinen Bürgern weder Selbstabschottung noch Enklaven dulden wollte. Andererseits hieß er in einem Zeitungsartikel letztes Jahr, beim Weltjugendtag in Madrid, Papst Benedikt XVI. willkommen - vielleicht auch deshalb, weil die spanische Linke angebliche Privilegien der katholischen Kirche kritisiert hatte - und feierte die „Spiritualität“ des Ereignisses, ohne zu erkennen, dass es den jungen Gläubigen vermutlich auch um Sonne und Party ging.

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