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Marine Le Pen in Châteauroux : Der ewige Käse

  • -Aktualisiert am

Das Publikum erwacht

Hinter ihrem Rednerpult stößt Marine Le Pen gestikulierend und fast hämmernd ihre Worte hervor. Zu meiner Überraschung neigt sie dazu, Silben zu verschlucken. Ich hatte sie für eine bessere Rednerin gehalten. „Wir dürfen unsere Bauern, unsere Landwirte, nicht im Stich lassen. Ich verspreche den Bauern eine großartige Renaissance. Wir sind auf dem Weg zu einer vernünftigen, nachhaltigen, gerechten, starken Landwirtschaft, die zu den Motoren Frankreichs im 21.Jahrhundert gehören wird. Wir stehen auf der Seite der Kleinen und nicht nur der Großen. Über unsere Landwirtschaftspolitik werden keine Leute bestimmen, die nicht einmal eine Kuh von einer Ziege unterscheiden können.“ Vor allem schwört sie, Frankreich aus den Fängen der europäischen Agrarpolitik zu befreien und eine ausschließlich und rein französische Agrarpolitik zu betreiben.

Eine gute französische Agrarpolitik: Endlich wacht das Publikum in Châteauroux auf. „Marine, Marine, Marine“, ruft man im Chor, einige Bewunderer klatschen in die Hände, und weiter unten sehe ich Guy und Danielle, die selig sind. Doch meine Nachbarin zur Linken, eine kleine, ganz zerknitterte Dame, allein, mit einem Hütchen auf dem Kopf, einer runden Brille auf der Nase und einem algerienfranzösischen Akzent, wie mir scheint, rührt sich nicht. Sie hat solche Ähnlichkeit mit meiner Großtante Alice, dass ich sie fast in die Arme schließen möchte. Doch leider ist die alte Dame zugeknöpft und wollte schon vor Beginn der Veranstaltung meine Fragen nicht beantworten.

Vom Überzeugen älterer Damen

Diese Frau ist wie aus Marmor. Sie verzieht keine Miene, als Marine Le Pen ankündigt, sobald sie in den Elyséepalast eingezogen sei, werde sie dem öffentlichen Dienst wieder zu seiner alten Bedeutung verhelfen, die Öffnung der Eisenbahn für Konkurrenzunternehmen beenden und die Post anweisen, keine Filialen auf dem Land mehr zu schließen. Sie werde die Preise für Strom und Gas einfrieren, die personelle Ausstattung der Gendarmerie verbessern und junge Ärzte zu einem Praktikum auf dem Land verpflichten, damit sie die Reize der Provinz kennenlernten. „Die schändlichen Richtlinien der Europäischen Union werden aufgekündigt“, versichert Marine Le Pen, die das Rednerpult verlassen hat und nun nervös auf der Bühne umherwandert vor ihrem Wahlkampfslogan „Die Stimme des Volkes, der Geist Frankreichs“. „Ja“, sagt sie, „wir werden die schädlichen Vertragsbestimmungen mit aller Entschlossenheit neu verhandeln.“

Und nun kommt sie richtig in Fahrt, sie verteidigt das Automobil gegen seine Kritiker, verurteilt die hohen Benzinpreise und die Unsicherheit, die inzwischen die abgelegensten Dörfer und Kleinstädte des „Frankreichs der Glocken“ erreicht habe; die bewaffneten Banden, die traditionelle Feste bedrohten; die rumänischen und afrikanischen Ärzte, die „unsere Sprache“ nur unvollkommen beherrschten. Und dann erklärt Marine Le Pen, sie werde auch „die Einsamkeit bekämpfen“. Meine Nachbarin hebt den Kopf und lächelt leicht. Ja, nun ist auch die alte Dame überzeugt.

Aber vor allem geht die Veranstaltung zu Ende. Marine Le Pen ermahnt ihr Publikum, „Lebenskraft und Tabernakel“ Frankreichs, wieder Mut zu schöpfen. „Erhebe dich, vergessenes Frankreich, französische Erde! Erhebe dich, Châteauroux! Erhebe dich, Argenton!“ Und sie nennt die Namen eines Dutzends weiterer Städte der Region, bevor sie zusammen mit dem Saal in Habachtstellung die Marseillaise anstimmt, während ein blauweißroter Konfettiregen auf die Bühne herabgeht und junge Frauen mit Säuglingen auf dem Arm hereinkommen und sie in ihre Mitte nehmen.

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