https://www.faz.net/-gqz-6y915

Marine Le Pen in Châteauroux : Der ewige Käse

  • -Aktualisiert am

Nicolas, 42 Jahre alt, ist ein sehr gepflegter Mann mit kariertem Hemd und sorgfältig gekämmtem Haar. Der Immobilienmakler aus Orléans ist seit vielen Jahren Mitglied des Front National. Er sieht kaum ideologische Unterschiede zwischen Marine und ihrem Vater, nur einen Generationswechsel, einen „sanften Übergang“, erklärt er mir. Nicolas liebt Tiere, und ihretwegen engagiert er sich in der Partei. „Das rituelle Schlachten nach den Halal-Vorschriften ist grauenhaft. Die Tiere sind nicht betäubt, sie erleiden ein Martyrium, mehr als fünfzehn Minuten lang, bis zu ihrem Tod. Das ist ein schrecklicher Rückschritt. Ich finde, es ist ein Skandal, dass man uns Halal-Lebensmittel aufzwingt. Das hat natürlich alles mit der Einwanderung zu tun, mit der verfehlten Einwanderungspolitik, die seit Jahrzehnten in unserem Land betrieben wird.“ Nicolas bricht ab, denn um uns herum werden Fähnchen geschwungen, und das Geraune wird lauter: „Marine, Marine, Marine, Marine Président, Marine Président“. Ihr blonder Schopf teilt die gut tausend Menschen zählende Menge und strebt zum Podium. Marine Le Pen, beigefarbene Reithosen, lange Weste, eingefrorenes Lächeln, hebt die Arme zum Himmel, noch bevor sie das Rednerpult erreicht hat: „Meine lieben Mitbürger, liebe Internauten, meine lieben Freunde...“

Einig in der Ablehnung elitärer Politik: Marine Le Pens Besucher sind traditionelle Rechtsextreme, die es gerne härter hätten, aber auch mittelalte Franzosen, die sich vom Kapitalismus überfordert fühlen
Einig in der Ablehnung elitärer Politik: Marine Le Pens Besucher sind traditionelle Rechtsextreme, die es gerne härter hätten, aber auch mittelalte Franzosen, die sich vom Kapitalismus überfordert fühlen : Bild: REUTERS

Dann stimmt sie eine Lobeshymne auf das ländliche Frankreich an, vor einem Publikum, das sie nicht erst für ihre Sache einzunehmen braucht, denn das Indre ist eine Region mit alten landwirtschaftlichen Traditionen, mit 22137 bäuerlichen Betrieben im Jahr 1955, aber nur noch 6500 im Jahr 1999, wie ich einer Quelle im Internet entnehme, der ich hier einmal vertrauen möchte. Einige Tage später sollte Martine auch die Landwirtschaftsmesse in Paris besuchen und sich mit Färsen und Zicklein ablichten lassen. Heute ist sie noch bei der Theorie: „Frankreich“, ruft Marine Le Pen mit heiserer Stimme, „das ist vor allem die französische Erde, der unvergleichliche Boden Frankreichs“, Landstriche, Dörfer und Felder, deren „uralte Krume man zwischen den Fingern spüren muss“. Das ländliche Frankreich, „dieses unaufdringliche und bescheidene, von den Mächtigen vergessene Frankreich“, das „unter den Verheerungen der Globalisierung leidet“, liebt Marine von ganzem Herzen, sie bewundert die Landschaften, ihr Licht, ihre erfrischende Luft, die Erde, Ursprung und Quelle Frankreichs. „Die französische Seele ist zutiefst ländlich geprägt. Unsere Landschaften sind von einem unerhörten Reichtum. Dort bewahrt Frankreich das Beste, was seine Zivilisation hervorgebracht hat. Gemeinsam werden wir die Verachtung einer kleinen Pariser Elite überwinden, die sich allen überlegen fühlt, und wir werden das ländliche Frankreich wieder zum wahren Frankreich machen.“

Die alte Leier der extremen französischen Rechten über die ewigen Tugenden der nährenden Erde und der pastoralen Symphonie. „Die Erde lügt nicht“, deklamierte am 23.Juni 1940 mit bebender Stimme Marschall Pétain, dessen nationale Revolution die ländliche Zivilisation in den Himmel hob. „Die Erde braucht eure Hilfe. Sie ist das wahre Vaterland. Ein Feld, das nicht bestellt wird, ist ein sterbendes Stück Frankreich. Ein Stück Brachland, das wieder bestellt wird, ist ein Stück wiedergeborenes Frankreich.“ Das Land, fern vom Rauch der Fabriken, von den städtischen Seuchen und den korrumpierenden Städten, Hort der Stabilität und der Beharrlichkeit angesichts der Erschütterungen in der Gesellschaft, ist für die extreme Rechte Zufluchtsort der reinsten französischen Tugenden, als da sind: die Liebe zum Boden der Väter, der Respekt vor den daraus erwachsenen Lehren und den dort verwurzelten Traditionen, die Liebe zur Freiheit und zur Unabhängigkeit, der Stolz der Seele und der Adel des Herzens.

Weitere Themen

Topmeldungen

Unterschiedliche Sicht: Prinz Harry (links) und Prinz William am 1. Juli bei der Enthüllung eines Denkmals zu Ehren ihrer Mutter, Prinzessin Diana, in London

Prinz Harrys Autobiographie : Die nächste Spitze

20 Millionen Dollar soll Prinz Harry für ein Buch angeboten bekommen haben. Die Ankündigung einer „intimen und tief gefühlten“ Autobiografie weckt Befürchtungen über neuen Zwist in der Königsfamilie.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.