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Marina Weisband : Star oder Schwarm?

Zu attraktiv für die Politik? Marina Weisband Bild: dapd

Der Vorstand der Piraten-Partei löst sich gerade auf, die frühere Geschäftsführerin Marina Weisband ist in den Medien präsenter denn je. Über das schwierige Verhältnis von Politik und Charisma.

          6 Min.

          In Deutschland gilt Charisma seit Hitler als gefährlich. Deshalb wird in der Politik jeder argwöhnisch beäugt, dem Bewunderung entgegengebracht wird. Es sei denn, er heißt Helmut Schmidt und hat keine echte Macht mehr.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dabei kann Charisma eine positive Kraft für Demokratien sein: Willy Brandts Kniefall in Warschau, Richard von Weizsäckers Versöhnungsrede zum 8. Mai, Petra Kellys Erfolg mit der Friedensbewegung und Gerhard Schröders Agenda 2010 wären ohne dieses besondere Talent nicht möglich gewesen. Wie demokratisches Charisma auch ohne Macht und Autorität wirken kann, zeigt das Beispiel der Piratin Marina Weisband.

          Attraktiver als „liquid democracy“

          Ungefähr zur selben Zeit, als Karl-Theodor zu Guttenberg irrtümlich für einen Charismatiker gehalten wurde, tauchte in der politischen Landschaft in Deutschland ein Typus auf, der das Gegenteil des Mannes mit Manieren war, des Repräsentanten der schönen Welt des Adels. Es waren die Nerds, von denen es mittlerweile so viele gab, dass sie sich politisch formierten und eine neue Protestpartei gründeten: „Die Piraten“.

          Die junge digitale Intelligenz sah sich durch keine Politik repräsentiert, weil die digitale Welt, die ihre Lebenswelt war, im politischen Diskurs so gut wie gar nicht vorkam. Also verlangte sie nach mehr Mitbestimmung. Das Zauberwort hieß: „liquid democracy“, „flüssige Demokratie“. Es war der Traum von einer Onlinedemokratie, in der Bürger nicht nur alle paar Jahre, sondern jederzeit abstimmen konnten, jeden Tag. Jeder Bürger, so die Vorstellung, sollte und konnte Politiker sein, indem er sich über das Internet an politischen Entscheidungen beteiligte.

          Während die einen sich also durch die Vornehmheit eines Adels-Sprosses verführen ließen und ihn in ihrer Sehnsucht nach einer Lichtgestalt mit einem Charismatiker verwechselten, artikulierte sich hier, in einer gegenläufigen Bewegung, der Wunsch nach der Herrschaft des digitalen Schwarms.

          Man muss sich diese divergierenden gesellschaftlichen Sehnsüchte einmal genau vor Augen führen: Da waren auf der einen Seite jene, die mit Karl-Theodor zu Guttenberg einem Vertreter der alten Welt des Adels zu Füßen lagen - getrieben von einer ganz und gar rückwärtsgewandten Sehnsucht, dem Verlangen nach einer hierarchisch strukturierten Welt, nach der Vormoderne, nur eben in modernem Gewand.

          Und auf der anderen Seite waren da die „Digital Natives“, die gerade nicht an Hierarchien und Persönlichkeiten, sondern an neue Netzwerke glaubten. Beide scheiterten. Weder fanden die einen den Charismatiker, den sie sich wünschten, noch konnten die anderen das Gegenteil, eine Herrschaft der Schwarmintelligenz, etablieren - nicht einmal innerhalb der eigenen Partei.

          Extravagantes Auftreten gehörte zu ihrem Image: Bei einem Parteitag in Münster Anfang 2012 trug Marina Weisband eine Kette mit QR-Code
          Extravagantes Auftreten gehörte zu ihrem Image: Bei einem Parteitag in Münster Anfang 2012 trug Marina Weisband eine Kette mit QR-Code : Bild: dpa

          Der Idee der gesichtslosen Schwarmintelligenz schien vor allem zu widersprechen, dass die Piraten im Mai 2011 eine junge Frau zu ihrer politischen Geschäftsführerin wählten, die sich gern exponierte, die auffiel, die sich deutlich von anderen abhob und damit das Prinzip der Gleichheit torpedierte.

          Es war, damals dreiundzwanzig Jahre alt, die Psychologiestudentin Marina Weisband. Durch sie bekam die Partei plötzlich ein Gesicht, das die Medien liebten, weil Medien Gesichter brauchen. Umgekehrt schien aber auch Marina Weisband die Medien zu lieben, mit denen sie professionell spielte, nicht zuletzt, indem sie sich in den Medien gerne über die Medien beschwerte.

          „Sie ist jung, sie ist eloquent, sie ist eine attraktive Frau unter vielen Nerds“, stellte die „Zeit“ begeistert fest. Aber tatsächlich traf es das nicht ganz: Marina Weisband stand durchaus selbst für die Nerdkultur, sah aber nicht so aus. Für die Piratenpartei war das von unschätzbarem Wert. Selbst ihre Gründungsmitglieder mussten sich nicht verbiegen, als sie sie zu ihrer politischen Geschäftsführerin wählten. Sie erkannten in ihr eine der ihren.

          Zugleich hätte man Marina Weisband im Gegensatz zu den klassischen Nerds aber auf keiner Party übersehen. Sie redete viel und machte Wirbel. Damit war sie eine perfekte Figur für die Außenwirkung der Partei, hatte all das, woran die mediale Öffentlichkeit gerne anknüpfte.

          Auftritt im Hochzeitskleid, Fotos vor der Windmaschine

          So wurde die junge eloquente Frau zum gerngesehenen Talkshowgast und zur gefeierten „Lichtgestalt“. Sie sei gar kein Star, twitterte sie oder bemängelte rückblickend in ihrem Buch „Wir nennen es Politik“, dass ihre Medienpräsenz zu achtzig Prozent aus Fotos, Kommentaren über ihre Frisur, ihre Kleidung, ihre Hobbys und ihre Art bestanden habe. Das mochte so sein. Der Wahrnehmung ihrer Partei und ihrer Person selbst half es trotzdem.

          Auch wirkte Weisband an dieser Außenwahrnehmung mit, wo immer sie konnte: Beim Bundesparteitag im Frühjahr 2012 in Neumünster trat sie in ihrem Hochzeitskleid auf und war, natürlich auch deshalb, ununterbrochen von Fotografen umringt. Zur Vermarktung ihres Buches ließ sie sich mit tiefroten Lippen, rot lackierten Nägeln, einem signalroten Kleid zu offenem Haar in der Windmaschine mit einer als Mann verkleideten Frau Tango tanzend für die „Bild am Sonntag“ fotografieren.

          „Sie brauchen Köpfe, aber der Schwarm hasst Stars“, hieß es in einem Artikel in der „Zeit“ über das Dilemma der Piraten, was nach einem Problem klang, das in ihren Anfängen auch die Grünen gekannt haben: Basisdemokratisches Gleichheitsprinzip und Startum schließen sich aus. Wer versucht, sich von den anderen abzuheben, eine Sonderrolle zu spielen, wird angefeindet.

          Bei Marina Weisband war es aber anders. Sie wurde von der Basis geliebt. Anstelle von Shitstorms erhielt sie schmeichelhafte „#Flausch Tweets“. Für ihre Talkshow-Auftritte wurde sie beklatscht. Wenn sie Anfeindungen und Beschimpfungen ausgesetzt war, kamen diese eher von „Trolls“, von Leuten, die im Internet Hass verbreiten.

          Innerhalb der Partei war man stolz auf sie. Und so mussten die Piraten, als Marina Weisband im Dezember 2012 bekannt gab, dass sie nicht bei den Bundestagswahlen kandidieren wolle, auf jene Frau verzichten, die die einzige Führungspersönlichkeit in der Partei gewesen war, auf die sich alle hatten einigen können. „Sie will hier nicht rein“, titelte das „Zeit“-Magazin und zeigte ein Foto von ihr, das sie vor dem Reichstagsgebäude zeigt. „Aber was will sie dann?“

          Enttäuschte Hoffnungen

          Als politische Geschäftsführerin hat Marina Weisband innerhalb der Partei etwas dargestellt, was es eigentlich nicht geben kann: Sie war so etwas wie ein charismatischer Nerd. Noch vor dem Aufstehen loggte sie sich bei Twitter ein, warb anstatt mit einem Parteiprogramm mit einem „Betriebssystem“ für eine neue Politik und tauchte in ihrer Freizeit ab in fantasyhaften Rollenspielen.

          Gleichzeitig trat sie so redegewandt auf und schaffte es durch ihre moderierende Art, sich selbst bei den unangenehmsten Wortgefechten mit politischen Gegnern ihre konzentrierte Besonnenheit nicht nehmen zu lassen, dass ihr viele Charisma zusprachen.

          Das waren zum einen die Piraten selbst: „Marina Weisband ist eine sehr charismatische Person, die es auf bewundernswerte Weise schafft, Themen zu vermitteln“, sagte im März 2012 etwa der damalige Parteichef Sebastian Nerz. Zum anderen waren es verschiedene Medien: Von der „charismatischen Studentin“ sprach der „Focus“, von der „charismatischen Frau an der Spitze der Piraten-Partei“ der „Stern“. Der „Tagesspiegel“ kommentierte ihre Entscheidung gegen eine erneute Kandidatur mit den Worten: „Marina Weisband war Hoffnungsträgerin der Piraten, sie war charismatisch und konnte Position beziehen, ohne sich in innerparteilichen Kämpfen zu verheddern.“

          Und der Journalist Jakob Augstein zeigte sich so begeistert von ihr, dass er ihre Entscheidung, nicht kandidieren zu wollen, schlicht nicht hinnehmen wollte: „Aber wer soll es denn sonst machen, wenn nicht Sie?“, fragte er. Die Partei, die eigentlich eine Partei ohne Gesicht sein wollte, hatte durch Marina Weisband eines gewonnen. Ein Gesicht, das nach innen wie nach außen Strahlkraft besaß und ohne das man sich die Partei schon nach kurzer Zeit nicht mehr vorstellen konnte.

          Charisma statt Autorität

          Weisband wird damit zum Beispiel dafür, dass Charisma durchaus auch ohne das Moment des Autoritären auskommen kann. Ohne die betonte Lust am Machtwort oder am Ausspielen von Hierarchien, die Machtmenschen wie Gerhard Schröder und Joschka Fischer selbstbewusst in Szene setzten, wo sie nur konnten.

          Marina Weisband feierte in der Partei besonders durch ihre Fähigkeit, zwischen den verschiedensten Meinungen zu vermitteln, Erfolge. So hatte sie sich bei ihrem ersten Auftritt vorgestellt, und so sollte sie auch agieren: „Ich kann Kommunikation“, hatte sie bei ihrer kleinen Rede zur Spontankandidatur gesagt. Tatsächlich lag genau darin ihre Stärke.

          Die Parteimitglieder mit den unterschiedlichsten Auffassungen akzeptierten sie schnell als Moderatorin. Und es gelang ihr eine Weile lang, die Piratenpartei als chaotischen Haufen auseinanderstrebender Individualisten zusammenzuhalten. Gleichzeitig hörte sie nicht auf, für ein antiautoritäres, nicht an die Hierarchie von Ämtern gekoppeltes Konzept des Politikers zu plädieren.

          Die Figur Marina Weisband führt damit vor Augen, wie irreführend es sein kann, bei dem Begriff „Charisma“ ausschließlich an die Herrschaft autoritärer Führer zu denken. Weisband genoss ihre charismatische Autorität aufgrund ihres antiautoritären, vermittelnden Stils. „Ich bin nicht autoritär!“, war der Satz, den sie mit charismatischer Autorität erfolgreich in Szene setzte. Das war das Weisband-Paradox.

          Für einen Schwarm schwärmt niemand

          Die junge digitale Intelligenz, die nicht an alte Hierarchien, sondern an neue Netzwerke glaubte und von der Herrschaft des Schwarms träumte, scheiterte an der Verwirklichung eben dieses Traums. Sie fand dafür Marina Weisband, die als Person viel wirkungsvoller war als eine ganze Versammlung von Nerds. Das zeigt, dass die Sehnsucht nach einem Charismatiker oder einer Charismatikerin keine ist, die allein die alte etablierte Parteipolitik betrifft. Wo immer Politik gemacht wird, stellt sich die Charisma-Frage neu.

          Als Weisband noch zur Führungsriege der Piraten gehörte, fand die Partei bemerkenswerten Zuspruch. Nach ihrem Abgang brachen die Umfragewerte ein. Mit einem Wahlergebnis von 2,2 Prozent verabschiedeten sich die Piraten bei der Bundestagswahl 2013 in die politische Irrelevanz.

          So unterschiedlich die Sehnsüchte in der Gesellschaft gegen Ende der Nullerjahre also waren - am Ende bekam niemand, was er wollte: Diejenigen, die sich nach einem Charismatiker sehnten, mussten feststellen, dass sie mit Karl-Theodor zu Guttenberg einem Hochstapler aufgesessen waren. Und jene, die auf den anonymen Schwarm setzen wollten, fanden in Marina Weisband eine Charismatikerin, die in der Politik vorerst nicht bleiben wollte. So blieben alle Wünsche und Hoffnungen unerfüllt.

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