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Marina Weisband : Star oder Schwarm?

Zu attraktiv für die Politik? Marina Weisband Bild: dapd

Der Vorstand der Piraten-Partei löst sich gerade auf, die frühere Geschäftsführerin Marina Weisband ist in den Medien präsenter denn je. Über das schwierige Verhältnis von Politik und Charisma.

          In Deutschland gilt Charisma seit Hitler als gefährlich. Deshalb wird in der Politik jeder argwöhnisch beäugt, dem Bewunderung entgegengebracht wird. Es sei denn, er heißt Helmut Schmidt und hat keine echte Macht mehr.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei kann Charisma eine positive Kraft für Demokratien sein: Willy Brandts Kniefall in Warschau, Richard von Weizsäckers Versöhnungsrede zum 8. Mai, Petra Kellys Erfolg mit der Friedensbewegung und Gerhard Schröders Agenda 2010 wären ohne dieses besondere Talent nicht möglich gewesen. Wie demokratisches Charisma auch ohne Macht und Autorität wirken kann, zeigt das Beispiel der Piratin Marina Weisband.

          Attraktiver als „liquid democracy“

          Ungefähr zur selben Zeit, als Karl-Theodor zu Guttenberg irrtümlich für einen Charismatiker gehalten wurde, tauchte in der politischen Landschaft in Deutschland ein Typus auf, der das Gegenteil des Mannes mit Manieren war, des Repräsentanten der schönen Welt des Adels. Es waren die Nerds, von denen es mittlerweile so viele gab, dass sie sich politisch formierten und eine neue Protestpartei gründeten: „Die Piraten“.

          Die junge digitale Intelligenz sah sich durch keine Politik repräsentiert, weil die digitale Welt, die ihre Lebenswelt war, im politischen Diskurs so gut wie gar nicht vorkam. Also verlangte sie nach mehr Mitbestimmung. Das Zauberwort hieß: „liquid democracy“, „flüssige Demokratie“. Es war der Traum von einer Onlinedemokratie, in der Bürger nicht nur alle paar Jahre, sondern jederzeit abstimmen konnten, jeden Tag. Jeder Bürger, so die Vorstellung, sollte und konnte Politiker sein, indem er sich über das Internet an politischen Entscheidungen beteiligte.

          Während die einen sich also durch die Vornehmheit eines Adels-Sprosses verführen ließen und ihn in ihrer Sehnsucht nach einer Lichtgestalt mit einem Charismatiker verwechselten, artikulierte sich hier, in einer gegenläufigen Bewegung, der Wunsch nach der Herrschaft des digitalen Schwarms.

          Man muss sich diese divergierenden gesellschaftlichen Sehnsüchte einmal genau vor Augen führen: Da waren auf der einen Seite jene, die mit Karl-Theodor zu Guttenberg einem Vertreter der alten Welt des Adels zu Füßen lagen - getrieben von einer ganz und gar rückwärtsgewandten Sehnsucht, dem Verlangen nach einer hierarchisch strukturierten Welt, nach der Vormoderne, nur eben in modernem Gewand.

          Und auf der anderen Seite waren da die „Digital Natives“, die gerade nicht an Hierarchien und Persönlichkeiten, sondern an neue Netzwerke glaubten. Beide scheiterten. Weder fanden die einen den Charismatiker, den sie sich wünschten, noch konnten die anderen das Gegenteil, eine Herrschaft der Schwarmintelligenz, etablieren - nicht einmal innerhalb der eigenen Partei.

          Extravagantes Auftreten gehörte zu ihrem Image: Bei einem Parteitag in Münster Anfang 2012 trug Marina Weisband eine Kette mit QR-Code

          Der Idee der gesichtslosen Schwarmintelligenz schien vor allem zu widersprechen, dass die Piraten im Mai 2011 eine junge Frau zu ihrer politischen Geschäftsführerin wählten, die sich gern exponierte, die auffiel, die sich deutlich von anderen abhob und damit das Prinzip der Gleichheit torpedierte.

          Es war, damals dreiundzwanzig Jahre alt, die Psychologiestudentin Marina Weisband. Durch sie bekam die Partei plötzlich ein Gesicht, das die Medien liebten, weil Medien Gesichter brauchen. Umgekehrt schien aber auch Marina Weisband die Medien zu lieben, mit denen sie professionell spielte, nicht zuletzt, indem sie sich in den Medien gerne über die Medien beschwerte.

          „Sie ist jung, sie ist eloquent, sie ist eine attraktive Frau unter vielen Nerds“, stellte die „Zeit“ begeistert fest. Aber tatsächlich traf es das nicht ganz: Marina Weisband stand durchaus selbst für die Nerdkultur, sah aber nicht so aus. Für die Piratenpartei war das von unschätzbarem Wert. Selbst ihre Gründungsmitglieder mussten sich nicht verbiegen, als sie sie zu ihrer politischen Geschäftsführerin wählten. Sie erkannten in ihr eine der ihren.

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