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Marina Abramovics neue Performance : Sei gefügig, aber dabei bitte ganz entspannt

  • -Aktualisiert am

Marina Abramovic feiert sich in London wie einen Popstar. Ihre neueste Performance huldigt dem Nichts. Das Museum ist leer, die Künstlerin führt die Besucher in der Leere herum. Was kann da noch schiefgehen?

          In den kommenden Wochen wird die Performance-Künstlerin Marina Abramovic die Tür der Londoner Serpentine Gallery jeden Morgen selbst aufschließen und die Besucher begrüßen, als gewähre sie ihnen Zutritt zu ihrer eigenen Wohnung. Und jeden Abend wird sie die Tür wieder hinter den letzten Besuchern zusperren. Das sei ein symbolischer Akt, schließlich gehöre das Museum den Künstlern, erklärt sie im Zusammenspiel mit vielen als tiefsinnige Gedanken präsentierten Gemeinplätzen wie: Das Leben ist kurz, aber die Kunst währt länger. Oder: Gute Kunst strahlt Kraft aus und hat viele Bedeutungsebenen. Und: Die Welt lässt sich nur durch einen Bewusstseinswandel verändern.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der serbischen Künstlerin, die seit ihrer Performance „The Artist Is Present“ im New Yorker Museum of Modern Art 2010 den Status eines Popstars innehat, schwebt schon lange eine Kunst ohne Gegenstände vor. In der Londoner Serpentine Gallery will sie diese Vorstellung jetzt realisieren. An sechs Tagen in der Woche inszeniert sie acht Stunden lang ein improvisiertes Happening aus dem Nichts - 64 Tage lang. Die leeren weißen Räume des Ausstellungshauses sind ihre Leinwand, das sich ihrer Regie unterwerfende Publikum und sie selbst ihr Material. Sie behauptet, von einem Tag zum anderen nicht zu wissen, wie sie die Zeit füllen werde. Der Augenblick bestimme, was geschehe. Marina Abramovic führt das kurz vor, indem sie, mit konzentrierter, theatralischer Miene durch den Raum gleitend, der Reihe nach einzelne Personen bei der Hand nimmt, sie an verschiedenen Plätzen mit dem Gesicht zur Wand postiert und ihnen Anweisungen ins Ohr flüstert.

          Ein gefügiges Publikum ohne digitale Geräte

          Die 67 Jahre alte Künstlerin sagt, sie verstehe sich als leere Hülse, die Energie rezipiere, filtere und wieder ausstrahle. „512 Hours“ - so heißt das Werk - sei das Radikalste, was sie bisher unternommen habe. Radikaler, als sich mit der Rasierklinge einen Stern in den Bauch zu ritzen oder sich auspeitschen zu lassen? Radikaler als das Publikum aufzufordern, nach Lust und Laune mit gefährlichen Instrumenten an ihrem Körper herumzufuhrwerken, oder in einem brennenden Pentagramm beinahe zu ersticken? So mutig nämlich war sie in ihren frühen Werken der siebziger Jahre. Niemand würde Marina Abramovic unterstellen, das Risiko zu scheuen. Sie weiß, dass sie auch mit ihrem Experiment mit dem Nichts das Risiko des Scheiterns eingeht, zumal im zynischen Großbritannien, wo die Menschen „schlechte Witze mögen und am Wochenende zu viel trinken“. Anders als in Deutschland, wo alles zu Tode diskutiert werde, oder auch in Japan. Dort sei es beängstigend, frotzelt Marina Abramovic, weil die Japaner genau nach Vorschrift agierten. Wenn man ihnen sage, „,Spring vom fünften Stock‘, springen sie vom fünften Stock“.

          Es gab im Vornherein schon Lärm um dieses Nichts in der Serpentine Gallery. Einige Stimmen aus der Kunstszene haben gefordert, dass Marina Abramovic wenigstens den Einfluss einer amerikanischen Konzept-Künstlerin anerkennen müsse, die schon seit vielen Jahren mit der Vorstellung vom Nichts arbeite.

          So ganz mit nichts als nichts geht die Abramovic-Inszenierung nicht über die Bühne. Zum einen sind da die fünfundvierzig schwarzgekleideten Wächter, die trainiert worden sind, der Künstlerin „energetisch“ beistehen zu können. Zum anderen erfordert das Schauspiel ein gefügiges Publikum, das mit dem Strom fließt. Die jeweils 160 Besucher sollen ihre Siebensachen - insbesondere alle digitalen Geräte - abgeben und den Raum ohne Ballast, ohne Berührungsängste und Befangenheit betreten. Damit das alles funktioniert, muss jeder eine geistige Haltung mitbringen. Schon das ist viel mehr als nichts.

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