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Marienkult in Spanien : Die berühmteste Frau Andalusiens

Zu ihr blickt an diesem Wochenende ganz Sevilla auf: La Macarena, die berühmte Madonnenstatue, ... Bild: AFP

Zu Ostern zieht die prächtig geschmückte Statue der Macarena wieder durch die Straßen Sevillas. Das Madonnenbildnis aus der Basilika der Stadt entflammt die Sinne Hunderttausender.

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          Wenn sich in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag drei Dutzend muskulöse Träger in Bewegung setzen, ist einer der größten Augenblicke der Osterprozession von Sevilla gekommen. „Nuestra Señora de la Esperanza“, wie sie offiziell heißt, unsere Herrin der Hoffnung, besser bekannt unter dem Namen „La Macarena“, zieht wie jedes Jahr von ihrer Basilika im Altstadtviertel Macarena durch die überfüllten Straßen zur Kathedrale: eine lebensgroße, in Goldbrokat gehüllte Skulptur auf einem Anderthalb-Tonnen-Gestell mit Baldachin, reich geschmückt, mit einer ausladenden Krone auf dem Kopf, von hohen weißen Kerzen umgeben und auf so ergreifende Weise in den Mittelpunkt der religiösen Verehrung gerückt, dass sie zu leben scheint.

          Paul Ingendaay
          (P.I.), Feuilleton

          “Guapa!“, rufen die Menschen im Überschwang, wenn sie die Macarena an diesem einen Tag des Jahres im Freien sehen, so wie sie einem vorbeilaufenden Mädchen ein Kompliment zuwerfen würden. In den Bars, in den Schaufenstern, am Kiosk begegnet man ihrem Gesicht. Es gibt Bücher, Lieder, Gedichte und Filme zu ihren Ehren. Viele Sevillanos haben sie gerahmt im Wohnzimmer hängen.

          Mit Tränen echten Mitleids

          Das Bild der Macarena ist das bekannteste Frauenporträt ganz Andalusiens. Interessant ist, dass diese Marienfigur außerhalb der Basilika immer von größtem Trubel umgeben ist: Unter freiem Himmel existiert keine einsame Macarena, sondern nur ein Massenidol, das einen kollektiven Frömmigkeitstaumel mit Spuren von Karneval und heidnischen Ritualen auslöst. Im siebzehnten Jahrhundert von anonymen Künstlern geschaffen, haben die feinen Züge die lange Anbetungsgeschichte in sich aufgenommen, so dass man sie kaum noch ohne die Aura ihrer Bedeutung betrachten kann.

          ... wird durch die Stadt zur Kathedrale getragen
          ... wird durch die Stadt zur Kathedrale getragen : Bild: AFP

          Die erotische Komponente der spanischen Marienverehrung wird in Sevilla nicht verborgen, sondern vorausgesetzt: In ihrer Figur verschmelzen Mutter und Geliebte, und es beruhigt, unter dem Schutz einer so attraktiven Frau zu stehen. Als der legendäre Torero Joselito 1920 von einem Stier erfasst und getötet wurde, kleidete man die Jungfrau in schwarze Trauerkleidung, um dem Matador die letzte Ehre zu erweisen. Niemand bezweifelt, dass die Tränen auf ihren Wangen, die niemals herabrollen - drei auf der linken, zwei auf der rechten Gesichtshälfte -, echtem Mitleid entspringen. Wer krank wird und eine Operation braucht, wer in Geld-, Liebes- oder anderen Nöten steckt, betet zur Macarena.

          Auf die Herrin folgt der Herr

          Selbst säkular denkenden Fremden fällt es schwer, sich diesem Antlitz zu entziehen. Es ist schön, gütig, etwas besorgt, ein junges andalusisches Gesicht mit riesigen dunklen Augen und langen schwarzen Wimpern, andeutungsweise gerunzelter Stirn, ein klein wenig hochgezogenen Augenbrauen und leicht geöffneten Lippen, als habe die Macarena gerade etwas gesagt oder werde im nächsten Moment tröstende Worte sprechen. Das Kinn ist klein, rund und ebenmäßig. Könnte sie altern, müsste sie irgendwann auf ihr Gewicht achten, aber jetzt noch nicht. Wer immer dem Künstler vor vierhundert Jahren Modell gestanden hat, es dürfte ein hübsches Mädchen von kaum zwanzig Jahren gewesen sein. Religion ist in Sevilla eine Feier für die Seele und die Sinne.

          Die Köpfe der Träger der Statue, ...
          Die Köpfe der Träger der Statue, ... : Bild: AP

          Von kurz nach Mitternacht bis zum Mittag des Karfreitags wird die Herrin der Hoffnung im langsamen Schaukelgang ganz vorn im Zug unterwegs sein. Weiter hinten folgt die zweite wichtige Skulptur der Gemeinde, der „Herr des Urteils“, eine Christusfigur, neben der ein lebensgroßer Beamter von einem Blatt, das fast sein Gesicht verdeckt, das Todesurteil verliest. Begleitet werden die beiden von Gesängen, den Melodien der banda de música, die an die Stierkampfarena erinnern, oder dem ergriffenen Schweigen des Volkes.

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