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Marie von Ebner-Eschenbach : In Zdislavice

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Marie von Ebner-Eschenbach ist eine der größten deutschen Schriftstellerinnen. Doch die Erinnerung an sie und ihre Zeit verliert sich in der Idylle Mährens.

          Von der Hauptstraße Richtung Austerlitz, wo einst der blutigste französische Schlachtensieg stattfand, führt der Weg über menschenleere Käffer wie Litenčice und Honětice nach Zdislavice. Böhmische Dörfer? Wir sind mitten in Mähren, ein paar Kilometer östlich von Brünn, ein paar Dutzend Kilometer nördlich von Wien - und doch fast aus der Welt. Strahlend und fruchtbar ist das Hügelland hier, die Felder stehen jetzt im Juli in voller Pracht. Schriftsteller haben diese rurale Idylle immer wieder beschrieben. Schriftsteller, die heute so vergessen sind wie der geniale Ludwig Winder, der im mährischen Schaffa geboren wurde und 1946 im Londoner Exil starb. Selbst berühmtere Mährer wie Gustav Mahler, Sigmund Freud oder Leoš Janáček erinnerten sich ein Leben lang an die Naturlaute ihrer Heimat, an die Vogelstimmen und das Blätterrauschen.

          „Im Garten herrscht die schönste Einsamkeit, lebendige, wonnige, atmende Ruhe. Feierlich breiten die Bäume ihre Zweige in die milde, regunglose Luft und trinken Sonnenschein.“ Marie von Ebner-Eschenbach konnte in derart sommerlicher Prosa über das Schloss schreiben, wo sie als Abkömmling der Adelsfamilie Dubský 1830 geboren wurde. An diesem gewittrigen Julitag des Jahres 2013 liegt Schloss Zdißlawitz, das eine der größten Schriftstellerinnen deutscher Sprache immer wieder inspirierte, abgesperrt und öde hinter einem Zaun. Die bröckelnden Löwenfiguren, der versiegte Brunnen, eingeschlagene Scheiben - man kann das alles nur durch dichtes Laub aus der Ferne erspähen. Keine Gedenktafel, kein Hund „Krambambuli“; kein prominenter Besuch aus der untergegangenen Habsburgerzeit; kein Zugang zum Mausoleum, in dem die Dichterin ruht.

          1945 wurde das Schloss zum kommunistischen Kulturhaus umfunktioniert, das Mobiliar versteigert und die unschätzbare Bibliothek der Marie von Ebner-Eschenbach mit zahlreichen Widmungsexemplaren in einer Papiermühle zerschreddert. Wie hatte sie geschrieben: „Vaterlandsliebe errichtet Grenzpfähle, Nächstenliebe reißt sie nieder.“ Die Tschechen haben die Dichterin und Philanthropin, die ihre Sprache sprach, lange verschmäht, dann immerhin in einem anderen mährischen Schloss eine Ausstellung über sie eingerichtet. In ihren wundervollen Aphorismen urteilte ausgerechnet die privilegierte Freifrau lakonisch: „Alle historischen Rechte veralten.“ So weit ist es nun auch mit ihrer Welt und ihrem Werk gekommen. Und Zdislavice liegt baufällig und verlassen da. Als wäre selbst die Erinnerung an jene ferne Zeit bereits verschwunden.

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