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Margaret Thatchers geistiges Erbe : Die Köpfe voller Messer

  • -Aktualisiert am

Margaret Thatcher 1986 Bild: dpa

Zwischen Hasstiraden, Anerkennung und Dankbarkeit: Großbritanniens Künstler und Intellektuelle durchleben gerade noch einmal den Streit um das Erbe der verstorbenen Margaret Thatcher.

          Die Schriftsteller Martin Amis und Ian McEwan haben in Kommentaren zum Tod von Margaret Thatcher beide an eine Begegnung von Philip Larkin mit der Premierministerin erinnert, die der Lyriker als „La divine Thatcher“ bezeichnet hat. In einem Brief an Julian Barnes hat Larkin berichtet, wie „Mrs T.“ ihm zu einem „wunderbaren Gedicht über ein Mädchen“ gratuliert habe. Sein Gesicht müsse Ratlosigkeit verraten haben, schildert Larkin, und so habe Margaret Thatcher seinem Gedächtnis mit einer Zeile auf die Sprünge geholfen: „Sie wissen doch, ,ihr Kopf ist voller Messer’.“

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Tatsächlich lautet die Zeile aus Larkins frühem Gedicht „Deceptions“ über eine viktorianische Prostituierte, die als junges Mädchen vom Lande beim Besuch in der Hauptstadt von einem Mann in sein Haus gelockt, betäubt, vergewaltigt und nach einigen Monaten als dessen Mätresse auf die Straße gesetzt wurde: „Dein Kopf lag offen wie eine Schublade voller Messer.“ Obwohl geschmeichelt, drängte sich bei Larkin der Gedanke auf, Margaret Thatcher möge das Bild mit dem Kopf voller Messer als in ihrem Sinne empfunden haben, fügte aber hinzu, dass er trotzdem „den Boden küsse, auf dem sie geht“.

          Wenige Monate nach ihrem ersten Wahlsieg von 1979 hatte Larkin bereits in einem Interview erklärt, das große Verdienst Margaret Thatchers sei, zu sagen, „dass zwei plus zwei vier macht, was heute so unbeliebt ist wie schon immer“. Die gehässigen Reaktionen auf den Tod von Margaret Thatcher bestätigen das Ausmaß ihrer Unbeliebtheit, das durch den von Feind und Freund gleichermaßen geschaffenen Mythos lebendig erhalten wird. Auf diese Weise sind, nicht anders als im sektiererischen Irland-Konflikt, stammesähnliche Affekte von einer Generation an die nächste weitergereicht worden - mit der Folge, dass jetzt junge Menschen auf der Straße schadenfreudige „Das Mistweib ist tot“-Feiern abhalten, obwohl sie Margaret Thatcher nur durch die Überlieferung eines zum Teil auf bewussten Unwahrheiten und Verzerrungen basierenden Feindbildes kennen.

          Gerechtfertigter Hass?

          Es mutet ironisch an, dass ausgerechnet jene Menschen, die Margaret Thatcher als Hexe verteufeln und ihr Hartherzigkeit vorwerfen, ihren Tod mit nahezu satanischen Riten begehen, die von einer allgemeinen Vergröberung des Benehmens und des Gefühls zeugen. Und es verblüfft, dass der Philosoph Anthony Grayling, der sich unlängst unter lautem Protest aus dem Hochschulwesen den thatcherschen Unternehmergeist zueigen gemacht hat, um eine Privatuniversität zu gründen, den Respekt für die Toten als Altlast der Vergangenheit bezeichnete, in der man glaubte, dass Hingeschiedene Einfluss auf die Lebenden bewahrten könnten. „Ein Freudenausbruch über das Dahinscheiden einer Person, die zutiefst polarisierend war und kaltschnäuzigen Einstellungen Ausdruck verlieh, ist zugleich vollkommen verständlich und gerechtfertigt“, schrieb Grayling. „Noch so viele Apologien über die positiven Auswirkungen auf die Wirtschaft oder die militärische Weltlage vermögen niemanden zu befriedigen, der sah, wie ganze Gemeinschaften durch Arbeitslosigkeit zerstört wurden.“

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