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Marco Weiss im Fernsehinterview : Endlich wieder zu McDonald's

Gespräch am Kaminfeuer: Marco Weiss und Markus Lanz Bild: dpa

Der siebzehnjährige Uelzener und der Mann im Pullunder: RTL hat sich aufgemacht, einen neuen Medienstar zu schaffen. Der aus türkischer Haft entlassene Marco Weiss hat gestern abend ein erstes Fernsehinterview gegeben - und machte eine bessere Figur als sein Interviewer.

          3 Min.

          Marco Weiss, den man hierzulande lange nur als Marco W. kannte, scheint es gut zu gehen. Mit wieder längerem Haar sieht er ganz anders aus als der kahlgeschorene, hagere Häftling im türkischen Antalya, dessen Schicksal Medien und Politiker über mehr als ein halbes Jahr beschäftigt hat; ein sehr großgewachsener, hübscher Junge, der die zermürbenden acht Monate in der Untersuchungshaft erstaunlich gut überstanden hat. Diesen Eindruck jedenfalls erweckte Marco in seinem gut zwanzigminütigen Auftritt gestern abend bei RTL, wo das erste Fernsehinterview mit dem Schüler ausgestrahlt wurde.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          RTL hat Marco exklusiv an sich gebunden (siehe auch: Das doppelte Verschwinden des Marco W.) - und verfügt doch nur über Bruchteile seiner Geschichte. Das Verfahren gegen Marco, dem die sexuelle Nötigung einer damals dreizehn Jahre alten Britin vorgeworfen wird, läuft weiter. Eine Verurteilung wegen Vergewaltigung droht nach wie vor - weshalb alles, was die vermeintliche Tat angeht, der Öffentlichkeit verborgen bleiben muss. Die in Marcos Fall alles entscheidende Frage von Schuld oder Unschuld bleibt somit ausgeklammert, nicht Aufklärung ist das Ziel, sondern die Übermittlung von Emotionen. So kam es, dass RTL mit Hilfe der glücklichen Gesichter des jungen Spätheimkehrers und seiner Familie das Happy End einer traurigen Geschichte schilderte, die tatsächlich noch lange nicht abgeschlossen ist.

          Fragwürdiger Medienpartner

          Als vor anderthalb Jahren das achtzehn Jahre alte Entführungsopfer Natascha Kampusch erstmals vor die Fernsehkameras trat, staunte die Welt über eine unnatürlich reif wirkende junge Frau von frappierender Eloquenz und einer durch intensiven Konsum von Radio und Fernsehen - ihrer einzigen Verbindung zur Außenwelt - vorzüglichen Medienkompetenz. Sie selbst entschied, an welchen Sender sie sich binden und von wem sie sich befragen lassen wollte; der ORF-Interviewer Christoph Feurstein hat für seine behutsamen Gespräche mit Natascha viel Lob und Auszeichnungen bekommen. Schwer vorstellbar, dass Marco Weiss sich im türkischen Gefängnis einen vergleichbaren Überblick über die hiesige Medienlandschaft verschaffen konnte. Jedenfalls kann man sich vertrauenerweckendere Partner vorstellen als das Boulevardmagazin „RTL-Explosiv“, das uns gestern abend das erste Interview mit Marco präsentierte.

          Seriöse RTL-Köpfe wie Günther Jauch oder Peter Kloeppel hätten sich für ein Gespräch, bei dem ein investigativer Ansatz von vornherein ausgeschlossen war, vermutlich nicht hergegeben. So fiel die Aufgabe, dem Publikum Marco persönlich vorzustellen, dem „Explosiv“-Moderator Markus Lanz zu, der bislang nicht als Koryphäe seines Fachs aufgefallen war und gestern abend erkennen ließ, warum. Selten hat ein Mittdreißiger im Fernsehen so alt ausgesehen wie gestern abend Lanz, gerade weil sich dieser so verbissen um einen jugendlichen Jargon bemühte. Als Marco beim gemeinsamen Spaziergang über einen Feldweg berichtet, sich auf die Rückkehr an seine Schule und auf seine Freunde zu freuen, knufft ihn Lanz verbal in die Seite mit der Bemerkung, er werde doch bestimmt „zu McDonald's gehen“. Und sicher auch am Computer spielen und ins Kino gehen, gell? Marco, wie so oft, lächelt. Als er später einen Wäschekorb mit der Post zeigt, die im Gefängnis ankam, begeistert sich Lanz: „Mann! Das sind die ganzen Briefe?“ Ja, Mann, Donnerwetter.

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