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Marcel Reich-Ranicki zum Neunzigsten : Man muss jetzt dynastisch auf ihn blicken

  • -Aktualisiert am

Potentat im Reich der Literaturkritik: Marcel Reich-Ranicki Bild: Helmut Fricke

Jedes Buch war ihm Amt und Aufgabe, die Literatur ersetzte ihm das Vaterland: Blick auf das Leben des wichtigsten deutschen Literaturkritikers, der so selbstverständlich geworden ist, dass er schon immer dagewesen zu sein scheint.

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          Die Dinge ändern sich so schnell, da tut es gut, sich mit Angelegenheiten zu befassen, die sich niemals ändern. Reich-Ranicki zum Beispiel. Marcel Reich-Ranicki wird heute neunzig Jahre alt. Er ist schon so lange im Amt, dass nicht nur unsere jüngeren Freunde und Freundinnen gar nicht mehr wissen, wann seine Regierungszeit eigentlich begonnen hat. Aus Bequemlichkeitsgründen nehmen sie an, dass Reich-Ranicki mit dem Moment seiner Geburt der wichtigste Literaturkritiker des Landes war, aber erinnern können sie sich daran natürlich nicht. Sie erinnern sich nur an die diversen Jubiläen, die zum sechzigsten, siebzigsten und achtzigsten Jahr von Reich-Ranickis Thronbesteigung gefeiert wurden, aber wann und wie und von wem er gekürt wurde, das verbirgt sich im Dunkel der Geschichte.

          Das aber sind bekanntlich die mächtigsten und unter ihresgleichen respektiertesten Potentaten, die nämlich, die immer schon da waren. So ließ denn auch Königin Beatrix der Niederlande (die soeben erst auf ein vergleichsweise läppisches Jubiläum von dreißig Jahren gekommen ist) es sich nicht nehmen, eigens einen Sonderbotschafter an den Hof unseres Jubilars zu senden, um ihn mit einem hohen Orden und einer schönen Rede zu schmücken. Spätestens seit diesem Ereignis sollte man auf Reich-Ranicki dynastisch blicken: Wäre Reich-Ranicki neunzig geworden am Tag seiner Geburt, wäre dieser Ranicki 1.0 noch Zeitgenosse Goethes gewesen. So lang sind neunzig Jahre.

          Heimat in der Literatur

          Zieht man Reich-Ranickis Lebenslinie quer über die deutsche Geschichte, was nicht ganz korrekt ist, weil er ja teilweise in Polen und England war, was aber aus gedankenexperimentellen Gründen erlaubt ist, ergibt sich, dass er seit seiner Geburt elf unterschiedliche deutsche Staatsoberhäupter erlebt und in einem Fall auch erlitten hat. Er kehrte nach Deutschland zurück, als Theodor Heuss präsidierte, und man kann aus der Perspektive unseres Jubilars die nachfolgende Geschichte der Bundespräsidenten der Einfachheit halber auf die Frage der immer größer werdenden Orden beschränken, die sie an Reich-Ranicki verliehen, der Empfänge, Essen und Soirees, die sie ihm zu Ehren veranstalteten. Jeden Präsidenten, den er traf, fragte er nach seiner Lieblingslektüre. Weizsäcker liebte die „Buddenbrooks“ und Golo Manns „Wallenstein“. Der nicht mehr amtierende Präsident Köhler Hrabals wunderschönen Aufsteiger-Roman „Ich habe den englischen König bedient“. Man braucht nicht die Forschungen der Politikwissenschaftler Korte, Falter oder Langguth zu bemühen, um zum gleichen Ergebnis zu kommen wie sie: Auch hier war der gleichaltrige Weizsäcker der Beste, vielleicht auch deshalb, weil er als Adliger sich in ähnlichen Zeiträumen bewegte wie unser Jubilar.

          Und doch weiß jeder, dass sich hinter der ordensgeschmückten Variante dieser Herrschaftsgeschichte auch eine Opfergeschichte verbirgt und die Geschichte des Königs ohne Land. Er trage sein Vaterland mit sich, sagt Reich-Ranicki gerne, Heine zitierend. Und meint die Bücher. Es kommt nicht nur darauf an, wie einer redet, sondern auch, wie er liest, und wie er liest, entscheidet darüber, wie er redet. Das ist einer der Verfassungsgrundsätze in Reich-Ranickis Welt. Jedes neue Buch ist ihm ein neues Amt, eine Aufgabe, die seit einem Menschenalter keine Rücktritte kennt, sondern immer nur neue Antritte in ein immer wieder neues kleines Reich, in dem gelobt, verdammt, geherrscht, gewütet, geklagt werden kann; und - wie man an ihm bis zum heutigen Tag feststellen kann - das alles mit sofortiger Wirkung.

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