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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Der wahre Anwalt der Bücher

„Der Literaturkritiker muss seine Sache mit verbissenem Ernst betreiben, sonst ist er keiner“: Marcel Reich-Ranicki. Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Von Marcel Reich-Ranicki ins „Literarische Quartett“ eingeladen zu werden, war eine Herausforderung. Dort angekommen, lernte ich ihn von einer neuen Seite kennen.

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          Es gab nicht viele Menschen, deren Super-Ego man aus der Nähe mit größerem Vergnügen beim Dehnen und Beugen, beim Ein- und Ausatmen zuschaute: Marcel Reich-Ranicki war auch darin einzigartig, dass dem Bewusstsein der eigenen Bedeutung eine ebenso große Lust zu hemmungsloser Kommunikation entsprach.

          An einem Freitag des Jahres 1997 rief er mich an, um mich als Gast ins „Literarische Quartett“ einzuladen. Ich zögerte; Jahre zuvor hatte ich mir geschworen, mich an dieser Zirkusnummer nicht zu beteiligen (man hatte damals so seine Prinzipien), und nun, da ich im Begriff war, meinen Schwur zu brechen, wollte ich Reich-Ranicki wenigstens einen harten Kampf liefern.

          „Vielen Dank für die Einladung. Darf ich Ihnen in drei Tagen Bescheid geben?“ Verblüfftes Schweigen am anderen Ende. „Aber es gibt fünftausend Mark!“, rief er. „Drei Tage“, sagte ich. „Dann melde ich mich.“

          Als wir drei Tage später über die Einzelheiten sprachen (die fünftausend Mark kommen mir heute wie der Wahnsinn vor, vielleicht war es weniger?), hatte sein Ton etwas Verschwörerisches: Wir saßen jetzt im selben Boot, wir wollten eine gute Sendung machen. „Literaturkritisch“, wie man so sagt, hielt ich es eher mit seiner Kontrahentin Sigrid Löffler, aber das interessierte ihn nicht, er brauchte keine Gefolgsleute, nur Mitstreiter, die mit derselben Leidenschaft bei der Sache waren wie er.

          Seine enthusiastische Zustimmung erntete ich, als ich im „Literarischen Quartett“ über die Berliner Feuilletons von Alfred Kerr sagte, sie hätten so etwas Flirrendes, Erotisches. Darauf er: „Ja! Ja!“ Erotik war nun mal sein Ding. Andererseits überraschte er mich in der Sendung mit seiner väterlichen Art – er wollte, dass ich mich wohlfühlte, und so hatte sein Verhalten eine Lasur von Warmherzigkeit, deren Tiefe und Rissfestigkeit ich lieber nicht geprüft habe. In der Woche nach der Sendung rief er mich noch drei- oder viermal an, um mir vom Verkaufserfolg „unserer“ Bücher zu berichten. So war er: besser als jeder Staubsaugervertreter, der wahre Anwalt der Bücher.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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