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Marcel Reich-Ranicki : Wie ein kleiner Setzer in Polen über Hitler triumphierte

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Marcel Reich-Ranicki über die Unwahrscheinlichkeit der eigenen Biographie Bild: picture-alliance / dpa

Die Flucht aus dem Ghetto war nicht schwer, aber draußen auch nur einen Tag zu überleben, war fast unmöglich: Marcel Reich-Ranicki erinnert sich an die Kunst des Überlebens.

          Die Flucht aus dem Ghetto war nicht schwer, aber draußen auch nur einen Tag zu überleben, war fast unmöglich: Marcel Reich-Ranicki erinnert sich an die Kunst des Überlebens.

          Herr Reich-Ranicki, was haben Sie am 8. Mai 1945 gemacht?

          Ich war in Warschau. Was ich gemacht habe, weiß ich nicht. Denn gefeiert hat man am 9.Mai. Das war der Tag in Karlshorst, wo die Kapitulation unterschrieben wurde. Einer unserer Kollegen sagte, wir müssen in den Hof runtergehen und einen Salut gen Himmel abfeuern. Wir gingen in den Hof, jeder zückte seine Pistole, ich auch, alle schossen gleichzeitig, ich eine Sekunde später. Ich kam zu spät mit dem Schuß. Es war übrigens mein erster im Zweiten Weltkrieg - und mein letzter Schuß.

          Marcel Reich-Ranicki über die Unwahrscheinlichkeit der eigenen Biographie

          Was war das für ein Gefühl? Das Ende des Zweiten Weltkrieges, das Ende Ihrer Verfolgung und eine ungewisse Zukunft?

          Das letzte trifft wohl die Lage. Es war völlig unklar, wie das weitere Leben ausschauen würde. Man fragt mich immer: Was haben Sie in den ersten Wochen nach der Befreiung gemacht? Nichts Pathetisches, etwas zu essen habe ich gesucht, was anzuziehen haben wir gesucht, wir waren in elendem Zustand, und man bekam nichts.

          Was hat Ihnen die Nachricht bedeutet oder auch nicht bedeutet, daß Hitler tot ist?

          Die Nachricht hat mir schon sehr viel bedeutet. Es war die Frage, ob sie denn stimme. Bei dem Herrn war man nie so ganz sicher.

          Wo haben Sie die letzten Jahre vor Ende des Zweiten Weltkrieges zugebracht?

          Am Anfang in Warschau, ab 1940 im Warschauer Ghetto, seit der Flucht im Herbst 1942 aus dem Warschauer Ghetto im Untergrund. Wir wurden befreit, meine Frau und ich, als wir noch im Untergrund waren, im September 1944.

          Es war also für Sie der Moment der Befreiung von einer großen Angst?

          Ja, ganz sicher. Aber die Angst war noch da: Was wird weiter mit uns geschehen?

          Wußten Sie am 9. Mai 1945, daß fast Ihre ganze Familie umgebracht worden war?

          Nein. Wir wußten, daß meine Eltern und die Eltern meiner Frau umgebracht worden waren. Auch von meinem Bruder wußte ich, daß er nicht mehr lebt. Aber die vielen anderen Familienmitglieder, die umgebracht wurden, Tanten, Onkel, Cousinen, das konnte man nicht so überblicken.

          Sie wurden geboren in Polen, Sie hatten gutbürgerliche Eltern mit Wurzeln in Deutschland und im religiösen Judentum. Wo sehen Sie Ihre Wurzeln aus heutiger Sicht?

          Aus heutiger Sicht sehe ich meine Wurzeln nur in der deutschen Literatur. Ja, in der deutschen Literatur, ungefähr von Lessing bis Gerhart Hauptmann und Brecht und, vor allem, Thomas Mann.

          Sie haben in Ihren Erinnerungen berichtet, was viele Leser überrascht hat, daß Sie, ein Gymnasiast im Berlin Adolf Hitlers, in der Schule nicht das Gefühl hatten, verfolgt oder diskriminiert zu sein.

          Ja, das ist richtig, aber ich habe betont, so war es in der Schule, in der ich die letzten Jahre absolvierte, im Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf. Und auch das stimmt nicht ganz. So war es in meiner Klasse. Es ist möglich, daß in anderen Klassen derselben Schule die Sache ganz anders aussah.

          Wenn wir Marcel Reich-Ranicki 1936 oder 1935 nach seinen Wurzeln gefragt hätten, hätten Sie auch schon geantwortet, "in der Literatur", oder wurde die Literatur zum Fluchtpunkt?

          Die Literatur wurde zum Fluchtpunkt. Ich fürchte, ich hätte 1936/37 gesagt, die Wurzeln seien im Theater, im deutschen Theater. Ich war damals ein großer Theaterenthusiast.

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