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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : Klabund: „Ich baumle mit de Beene“

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Flottheit und Härte charakterisieren das Leben in Berlin bis zum heutigen Tag. Dafür fand der Dichter Klabund vor langer Zeit treffende Worte.

          Klabund, der 1890 in Crossen an der Oder geboren wurde und 1929 in Davos an der Tuberkulose gestorben ist, genoss das Leben rasch und rauschhaft, hastig und hektisch. Er dachte nicht daran, mit seinem Pfunde zu wuchern. Er war ein Ästhet par excellence und dennoch ein unermüdlicher Vielschreiber. Alle Stile waren ihm recht. Wer Lust hat, kann ihn für die Neuromantik in Anspruch nehmen und ebenso für den Impressionismus wie für den Expressionismus und auch für die Neue Sachlichkeit.

          Er war alles auf einmal, und er konnte, so scheint es, alles, was er wollte: Im bewussten Wettlauf mit dem Tode dichtete er sein Leben und lebte seine Dichtung. Er schrieb historische Romane und Boulevardkomödien, Idyllen und Parodien, die unterschiedlichsten Aufsätze und die unterschiedlichsten Gedichte. Was er auch dichtete, es zeugt von seiner Sehnsucht nach absoluter Freiheit – gesellschaftlicher, künstlerischer, erotischer. Er dachte nicht daran, seine fieberhafte Vitalität im Zaume zu halten. Ein Gehetzter, ein Taumelnder und Verlorener, ließ er seinen Weg bis zuletzt von poetischer Phantasie bestimmen.

          Ein proletarisches Genrebild

          Am deutlichsten wird das Talent Klabunds, seine Skala und seine Gefährdung, in der Lyrik. Er fiel von einem Extrem ins andere: Seine Verse sind zart und derb, sensibel und vulgär. Er gab sich ironisch und sarkastisch und schwärmte gleichwohl für das artige Volkslied. Man sang Klabund – wie er sich nicht zu Unrecht rühmte – ebenso in den Berliner Luxushotels wie in den Obdachlosenasylen.

          Das alles gilt für das Liedchen „Ich baumle mit de Beene“ (Text im Kasten unten), das Friedrich Hollaender für seine Frau, die Schauspielerin und Diseuse Blandine Ebinger, vertont hat. „Meine Mutter liegt im Bette, / Denn sie kriegt das dritte Kind“ – was so beginnt, lässt uns gleich vermuten, was kommen wird: ein proletarisches Genrebild. Es ist von dem ersten bis zum letzten Vers illusionslos und sentimental, schnoddrig und melodramatisch.

          Das Flotte und das Melancholische

          Jede der vier Strophen hat denselben Refrain: die baumelnden Beine. Zweimal bezieht er sich auf das sprechende oder singende Mädchen, das offensichtlich schon auf den Strich geht. In der dritten Strophe baumeln die Beine eines anderen: des Vaters, der im Gefängnis in Plötzensee sitzt und dort immerhin nicht zu hungern braucht. In der vierten Strophe baumeln die Beine des Freundes Emil, der, so fürchtet, so träumt wohl das Mädchen, vielleicht schon am Galgen hängt.

          In solchen kleinen Liedern, in den meist für das Berliner Kabarett geschriebenen Couplets und Balladen, Moritaten und Chansons, denen er wahrscheinlich die geringste Bedeutung beigemessen hat, findet Klabund am sichersten seinen unnachahmlichen Ton. In ihnen gelingt ihm wie von selbst die Verschmelzung des Flotten mit dem Melancholischen, des Kessen mit dem Graziösen.

          In der Regel kommt er smart daher. Doch das Wehmütige verpönt er nie. Und auch das Bittere und das Abstoßende wird in melodiösen Rhythmen besungen. War das vielleicht, auch wenn von Wedding oder Köpenick die Rede ist, Vorstadtlyrik für den Kurfürstendamm, also gewissermaßen präparierte Slangpoesie? Schon möglich, aber eben sie ist für die Berliner zwanziger Jahre charakteristisch.

          Diese Verse lassen uns immer noch den Zeitgeist, das Klima und Aroma spüren, das sie einst wiedergaben und zugleich prägten und mitschufen. Letztlich sind es Marginalien, doch gerade sie rücken Klabund in die Nähe der Großstadtdichter der Weimarer Republik – von Ringelnatz bis Mehring und Tucholsky, von Kästner bis zu Bertolt Brecht.

          Ich baumle mit de Beene

          Meine Mutter liegt im Bette,

          Denn sie kriegt das dritte Kind;

          Meine Schwester geht zur Mette,

          Weil wir so katholisch sind.

          Manchmal troppt mir eine Träne

          Und im Herzen pupperts schwer;

          Und ich baumle mit de Beene,

          Mit de Beene vor mich her.

           

          Neulich kommt ein Herr gegangen

          Mit ’nem violetten Schal,

          Und er hat sich eingehangen,

          Und es ging nach Jeschkenthal!

          Sonntag war’s. Er grinste: „Kleene,

          Wa, dein Port’menée ist leer?“

          Und ich baumle mit de Beene,

          Mit de Beene vor mich her.

           

          Vater sitzt zum ’zigsten Male,

          Wegen „Hm“ in Plötzensee,

          Und sein Schatz, der schimpft sich Male,

          Und der Mutter tut’s so weh!

          Ja, so gut wie er hat’s keener,

          Fressen kriegt er und noch mehr,

          Und er baumelt mit de Beene,

          Mit de Beene vor sich her.

           

          Manchmal in den Vollmondnächten

          Is mir gar so wunderlich:

          Ob sie meinen Emil brächten,

          Weil er auf dem Striche strich!

          Früh um dreie krähten Hähne,

          Und ein Galgen ragt, und er . . .

          Und er baumelt mit de Beene,

          Mit de Beene vor sich her.

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