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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : An meinem Fünfundsiebzigsten

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Fontanes Liebe blieb vom preußischen Adel unerwidert. Mit seinem Gedicht „An meinem Fünfundsiebzigsten“ manifestiert sich seine Kränkung - dafür dankt er einer anderen Gruppe.

          2 Min.

          Das ist der Inhalt dieses Gedichts: Ich, Theodor Fontane, habe ein Leben lang die Mark Brandenburg und den preußischen Adel besungen, doch an meinem Jubeltag, dem fünfundsiebzigsten Geburtstag, waren die, die ich so gerühmt habe, allesamt abwesend, aber andere, die meine Bücher kennen, sind sehr wohl gekommen, die Juden nämlich. Ist das alles, was er sagen wollte? Jawohl, das ist alles. Sein Gedicht jedoch, gar nicht kurz, umfasst vierzig Verse. Also vielleicht doch etwas zu redselig? Nein, eben nicht – hier ist kein Vers überflüssig, kein Wort zuviel.

          Fontane und der preußische Adel – das ist die Geschichte einer unglücklichen Liebe, die sein Dasein nicht selten verdüsterte. Denn er hat die Aristokratie unermüdlich umworben, er war in sie nahezu vernarrt. Aber diese Zuneigung, diese Passion wurde ihm mit Gleichgültigkeit vergolten. Weil er jene, die er bewunderte und verherrlichte, zugleich nüchtern und skeptisch sah? Weil es die Spannung zwischen Sympathie und Zweifel war, die stets seine Sicht bestimmte? Weil er sich von der Liebe nicht blenden ließ und den Adligen mitunter sagte, was sie, wenn sie ihn überhaupt lasen, nicht hören wollten?

          Der Marschrhythmus verklingt

          Dass sie sich an seinem Jubeltag nicht blicken ließen, empfand er als schnöden Undank, als Brüskierung. Darüber beklagt und beschwert er sich in seinem Gedicht. Nur ist es eine Beschwerde ohne Selbstmitleid, eine Klage ohne Pathos und Larmoyanz. Um all dies zu vermeiden, wählt Fontane die einfachste Form: Er erzählt, indem er aufzählt.

          Zunächst wird der Alte Fritz genannt, dem, immerhin, einige freundliche Worte gewidmet sind. Dann folgen die Namen von einundzwanzig preußischen Familien. Karg ist die Aufzählung, es gibt hier kein Adjektiv (bei Zieten gehört es zum Namen), wir erfahren bloß – dies aber gleich dreimal–, dass diese Geschlechter An der Schlachten und meiner Begeisterung Spitze / Marschierten. Dem entspricht die hämmernde Litanei dieser zweiten Strophe, der forsche Marschrhythmus, den Fontane im letzten Vers (mit gutem Grund) nicht mehr anwendet: Und über alle hab‘ ich geschrieben.

          Langsam und nachdenklich, der Tempowechsel ist unverkennbar, beginnt die dritte Strophe. Wieder dominiert eine Aufzählung, doch den strammen, schneidigen Rhythmus gibt es nicht mehr. Die, von denen jetzt die Rede ist, stürmen zwar ein in ganzen Massen, sie kommen in Bataillonen, aber der militärische Wortschatz ist nur noch bare Ironie. Denn die Abram, Isack, Israel, die fast schon von prähistorischem Adel sind, sie marschieren nicht, sie lesen. Sie sind vom Volk des Buches. Und sie haben ihn, Fontane, lange schon gelesen.

          Ein Dankgebet Fontanes

          In der Aufforderung „kommen Sie, Cohn“ vernehmen wir in knappster Formulierung seinen Dank, vielleicht gar seine Rührung. Der hier für die Juden steht, Fritz Theodor Cohn, war Mitinhaber des Verlags von Fontanes Sohn. Übrigens wurde das Gedicht „An meinem Fünfundsiebzigsten“ erst nach Fontanes Tod gedruckt. Es hätte, wurde ihm gesagt, die Juden kränken können: Sie seien nur deshalb so willkommen gewesen, weil die adligen Gratulanten ausblieben. Er hat sofort auf die Veröffentlichung verzichtet.

          Mit Zitaten lässt sich leicht nachweisen, dass Fontane die deutschen, die Berliner Juden geschätzt hat und in manchem Augenblick drauf und dran war, „ein Dankgebet zu sprechen, dass die Juden überhaupt da sind“. Und mit Zitaten kann man nachweisen, dass sie ihm nicht selten auf die Nerven gingen; in seinen späten Briefen finden sich auch böse, ja gehässige Worte gegen die Juden.

          Aber er war weder Philosemit noch Antisemit. Jede einseitige Betrachtung ist hier falsch, schädlich. Er war eine widerspruchsvolle Persönlichkeit, ein Schriftsteller, der, wie sein Dubslav von Stechlin, an „unanfechtbare Wahrheiten nicht glaubte“ und gerne alles mit einem Fragezeichen versah. Wir sollten uns hüten, seine Schwächen und Irrtümer zu retuschieren oder zu ignorieren. Was auch gegen Fontane gesagt werden muss: Sein Werk ist „kolossal“.

          An meinem Fünfundsiebzigsten

          Hundert Briefe sind angekommen,

          Ich war vor Freude wie benommen,

          Nur etwas verwundert über die Namen

          Und über die Plätze, woher sie kamen.

           

          Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen:

          Du bist der Mann der „Wanderungen“,

          Du bist der Mann der märk’schen Geschichte,

          Du bist der Mann der märk’schen Gedichte,

          Du bist der Mann des Alten Fritzen

          Und derer, die mit ihm bei Tafel sitzen,

          Einige plaudernd, andre stumm,

          Erst in Sanssouci, dann in Elysium;

          Du bist der Mann der Jagow und Lochow,

          Der Stechow und Bredow, der Quitzow und Rochow,

          Du kanntest keine größeren Meriten

          Als die von Schwerin und vom alten Zieten,

          Du fandst in der Welt nichts so zu rühmen,

          Als Oppen und Groeben und Kracht und Thümen;

          An der Schlachten und meiner Begeisterung Spitze

          Marschierten die Pfuels und Itzenplitze,

          Marschierten aus Uckermark, Havelland, Barnim,

          Die Ribbecks und Kattes, die Bülow und Arnim,

          Marschierten die Treskows und Schlieffen und Schlieben -

          Und über alle hab‘ ich geschrieben.

           

          Aber die zum Jubeltag da kamen,

          Das waren doch sehr, sehr andre Namen,

          Auch „sans peur et reproche“, ohne Furcht und Tadel,

          Aber fast schon von prähistorischem Adel:

          Die auf „berg“ und auf „heim“ sind gar nicht zu fassen,

          Sie stürmen ein in ganzen Massen,

          Meyers kommen in Bataillonen,

          Auch Pollacks und die noch östlicher wohnen;

          Abram, Isack, Israel,

          Alle Patriarchen sind zur Stell’,

          Stellen mich freundlich an ihre Spitze,

          Was sollen mir da noch die Itzenplitze!

          Jedem bin ich was gewesen,

          Alle haben sie mich gelesen,

          Alle kannten mich lange schon,

          Und das ist die Hauptsache . . . , „kommen Sie, Cohn“.

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